74 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [532
die Münzordnungen von 1524, 1551 und 1559 einzugreifen, und besonders die letztere
und die kreismäßige Kontrolle, die in dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts die
einzelnen Münzstätten zu beaufsichtigen beginnt, schuf gewisse Fortschritte, freilich um
dann wieder 1617525 ganz zu versagen. Und von 1650-1800 ist es nur in
wenigen großen deutschen Staaten, hauptsächlich in Sachsen, Hannover, Hsterreich und
Preußen, daneben in Bremen und Hamburg gelungen, zu erträglichen Geld- und Münz—
zuständen zu kommen. In den kleinen deutschen Staaten hörte man von 1500 - 1800
teilweise und zeitweise ganz zu prägen auf, und es drang dann massenweise schlechtes
fremdes Geld, hauptsächlich holländisches und französisches, ein; schweres gutes Geld
prägte man wenig; übermäßig leichtes da und dort bis 1837.
Der eigentliche Kern des Ubels war die Unklarheit über die Art der Aufbringung der
hohen Prägungskosten, die sich zwar bei der Goldmünze damals schon auf nur 0,6 Prozent,
bei der silbernen Großmünze aber auf 1,5—3 Prozent, bei den kleinen Münzen aber
auf 8—28 Prozent des Wertes der geprägten Münze stellte. Sie aufzubringen war
am einfachsten, wenn man alle Münzen, entgegen der Münzordnung und dem Preis
des Barrengeldes, entsprechend leichter prägte. Selbst der heftigste Eiferer gegen die
Münzmißbräuche der französischen Könige, der Bischof Oresmius, giebt zu, daß der
Ersatz der Prägekosten und ein mäßiger Gewinn erlaubt sein müsse. Die Münzherren
konnten auch damals noch zur Prägung nur durch den Münzgewinn gelockt werden.
Es war ja auch theoretisch nicht falsch, wenn man sagte, die geprägte Münze müsse
um die Prägekosten wertvoller sein. Sehr oft hatte die Münze auch einen solchen
Seltenheitswert gegen Barren, daß ihre höhere Ausgabe gelang. Schlimm war nur
immer, daß die Grenze diefses Gewinnes zunächst verschleiert werden konnte, indem man
nicht auf der Münze bemerkte oder bekannt machte, um wie viel leichter und weniger
fein man sie geprägt hatte. Unendlich viel komplizierter als früher war die Frage
jetzt dadurch geworden, daß man so verschiedener Münzen mit so verschiedenen hohen
Prägekosten bedurfte. Und diese Münzen sollten ein System bilden; der Groschen sollte
12 Pfennige, der Goldgulden 240 Pfennige wert sein. Wie war das zu erreichen, wenn
man die Sorten verschieden leicht, entsprechend den Kosten prägte. Wie konnte man fest—
stellen, welche Summen großer, mittlerer und kleiner Münzen der Verkehr ohne Ent—
wertung bei leichterer Prägung aufnahm. Die Münzordnungen und Anweisungen für die
Münzbeamten und Münzwardeine enthalten seit Ende des 14. Jahrhunderts eingehende
Bestimmungen, sie gehen auch meist von der richtigen Thatsache aus, daß man damals
Großgeld bis zu 0,6—8 Prozent, Kleingeld nur zu viel höheren Kosten herstellen
könne; aber sie bestimmten nicht, wo das Groß-, wo das Kleingeld Gültigkeit habe;
fie hatten über die Frage, ob und was die Regierung allein oder in Konkurrenz mit
Privaten prägen sollte, wann und wo Private in den fürstlichen Münzen prägen dürften,
wie man die Münzpächter genau kontrollieren müsse, noch keine oder keine ausreichenden
Vorstellungen. Sie wußten noch kein Mittel, wie der Schlagschatz mit einer guten,
soliden Prägung in Einklang zu bringen sei. Und so dauerten fast überall die zu großen
Gewinne in der Münzprägung fort. An einzelnen Punkten bildete sich ein förmliches
fiskalisches Raubsystem aus; wo die Regierungen sich nichts zu Schulden kommen
ließen, thaten es vielfach die Münzmeister und Münzpächter. Trotz der besten Gesetze
wurde immer wieder zu leicht geprägt, zumal die kleine Münze, die nicht so zu kon—
trollieren war. Und es entstand nun faft überall ein Agio, ein Mehrwert der großen
Münze berechnet in der kleineren; ja es bildeten sich häufig selbst in den Gebieten mit
besserem Münzwesen drei und mehr verschiedene Zahlungsweisen oder Währungen, je
nach dem verschiedenen Kurswert der verschiedenen Münzgattungen. So z. B. auch in
Venedig und Florenz. Die eine Münze wird nicht mehr für die andere genommen;
in den Verträgen wird häufig die Münzsorte ausgemacht; immer neue amiliche Val—
vationen versuchen, das Schwankende in den Relationen zu beseitigen; nach wenigen
Jahren passen fie nicht mehr. Nachdem die deutsche Munzordnung von 1558 mit faft
barbarischer Strenge die Prägekosten und den Schlagschatß bis zur Münze von Ns fi.
herab auf 2,04 Prozent, sür die kleine Münze auf 86,25 Prozent fixriert hatte, war