Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

80 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —(1538 
Münzen den Schlüssel bietet. Das Münzsystem muß eine möglichst einfache Anordnung 
haben und doch zugleich den verschiedenen Bedürfnissen des täglichen kleinen Markt— 
verkehrs, den Lohn- und anderen Zahlungen mittlerer Art, wie dem großen Verkehr 
der Banken, des Großhandels und Weltverkehrs angepaßt sein. Wir finden dem ent—⸗ 
sprechend bei allen höheren Kulturvölkern hauptsächlich drei Gruppen von Münzsorten: 
eine mittlere, wohin die attische Drachme von 4,83—83,4 Gramm, der römische Denar 
von 4,5—3,4, der mittelalterliche Groschen von 4,6—283, der heutige Franc von 4,5, 
die Mark von ßz, der englische Schilling von 5,2 Gramm sein Silber gehören. Unter 
ihnen stehen die kleinen Teilmünzen von 1, 0,5, 0,1 oder noch weniger Gramm Silber 
oder von Kupfer, Bronze und Nickel; über ihnen stehen die groben Münzen, z. B. die 
vier⸗- und achtfache Drachme mit 13—514 und 27—28 Gramm Silber, die verschiedenen 
Gulden und Thaler, Dollar und Rubel, Fünf-Schilling- und Fünf⸗-Francstücke von 
9—16, 18-27 Gramm. Wo sie fehlen, pflegen die Goldstücke von 3ÿ58 Gramm eine 
ähnliche Rolle zu spielen; der Aureus Constantius hatte 4,5 Gramm, die Goldgulden 
und Dukaten 8,6—2,5 Gramm, ihre Verdoppelung, die Pistole 6,2-65,9, der englische 
Sovereign hat 7,82, das Zwanzigfranestück 5,80, das deutsche Zwanzigmarkstück 7,16 
Gramm fein Gold (7,86 Gewicht). Es kann nicht Zufall sein, daß so die verschiedensten 
Völker immer wieder auf ähnliche Münzgrößen kamen. Sie entsprechen den Hauptarten 
des Verkehrs entwickelter Volkswirtschaften. 
Es kann im Anfang, besonders wenn fremde Münzen eindringen, vorkommen, 
daß die neue grobe Münze isoliert für sich steht und nicht zahlenmäßig glatt in das 
System der übrigen Landesmünze hineingepaßt ist, daß bestimmte Vertraͤge regelmäßig 
ausschließlich auf eine solche bestimmte Münzart gestellt werden, wie im vorigen Jahr— 
hundert in Preußen in der Hauptsache gewisse Zahlungen des großen Verkehrs in 
Thaler-Gold (Friedrichsd'or oder Fünf-Thalerstücke, Pistolen), die übrigen in den 
silbernen Thalern, s Thalern, Groschen und Pfennigen gemacht wurden. Aber stets 
ist ein solcher Zustand unbequem und hemmend. Überall hat die Entwickelung dahin 
gedrängt, daß die großen, mittleren und kleinen Münzen eines Landes nach ihrem 
Gewicht, ihrem Feingehalt und ihrem Wert ein einheitliches System bilden, einander 
vertreten können; und die Voraussetzung hierfür ist, daß sie ihrem innern Metallwert 
(mit der Ausnahme der Scheidemünze, worauf wir gleich kommen), wie ihrem durch 
die Prägung bestimmten Nennwert nach ein einheitliches klares Zahlensystem bilden: 
100 Pfennige muß jeder für eine Mark, zehn einzelne Markstücke jeder für ein goldenes 
Zehnmarkstück nehmen. Keine Münze des Systems darf in einer andern desselben 
einen Mehrwert, ein Agio erhalten, ohne daß der ganze Verkehr in seiner Sicherheit 
bedroht wird. Diesen in älterer Zeit fast immer vorhandenen Mißstand ganz zu be— 
seitigen, war die Hauptaufgabe der neueren Münzpolitik. 
Die Zahlenproportionen, in denen die verschiedenen Münzen zu einander stehen, 
waren früher wesentlich nach dem Ouartal- und dem Duodecimalsystem gewählt, d. h. 
die einzelnen Münzstücke verhielten sich wie 1:2: 4:8: 16 oder wie 1:3: 6:12: 24 
zu einander. Es waren die Zahlen, welche für den Kleinverkehr am bequemsten sind; 
man konnte beim Verkauf den Preis eines Pfundes am bequemsten so teilen. Neuerdings 
hat mehr und mehr das Decimalsystem gesiegt, so in Nordamerika 1778, in Frankreich 
1798, in Osterreich 1887, in Deutschland 1871578; die Münzen verhalten sich hier 
wie 1: 10: 100 zu einander, mit Einschiebungen von 2-, 5- und 20 fachen Einheiten. 
Es ist das Rechensystem, das zum Multiplizieren am besten ist, das die Mathematiker, 
die Finanzleute, die Bankiers am meisten wünschten. Man hat den Sieg des Decimal— 
systems als eine doktrinäre Maßregel bezeichnet, aber es hat sich überal bewährt und 
ist die notwendige Ergänzung desselben Syftems im Maß- und Gewichtswesen. 
Die Wahl des Münzsußes und der wichtigeren Munzsorten ist in den heute in 
Betracht kommenden Kulturstaaten nirgends aus freier Wahl nach abstrakten Zweck— 
mäßigkeitsgründen erfolgt, sondern überall, wo man wegen Währungswechsels, wegen 
Zerrüttung oder Verschlechterung des bisherigen Münzsyftems, wegen Vereinheitlichung 
des Münzwefens bisher getrennler Länder einen neuen Münzfuß und ein neues Münz⸗
	        
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