Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

541)] Kosten der Münzverwaltung, Privatprägung, Münzbedarf. 83 
Daneben hat man neuerdings auch ziemlich allgemein Privaten das Recht 
eingeräumt, in der staatlichen Münze Courantgeld prägen zu lassen. Sicher ist dies 
auch früher oft geschehen, zumal in Handelsstaaten. Aber es ist schwer, festzustellen, 
in welchem Umfang. Jedenfalls haben in Deutschland seit den letzten Jahrhunderten — 
von den Mißbräuchen der Münzpächter abgesehen — wesentlich nur die Regierungen 
geprägt. Auch sonst gehört die Prägung durch Private mehr der Neuzeit an. Die 
englische Regierung prägt für Private umsonst, die anderen thun es meist gegen eine 
Prägegebühr, die den Kosten entspricht. Wo der Edelmetallhandel und die Kassenhaltung 
aller großen Geschäftsleute auf große Banken übergegangen ist, welche das Verkehrs— 
bedürfnis an Münze richtig übersehen, kann man in gewöhnlichen Zeiten es allerdings 
diesen Organen überlassen, Barren in dem erforderlichen Betrag in Münze umwandeln 
zu lassen. Nur müssen die Staatsorgane stets zugleich darauf achten, ob genügend 
und zwar gutes eigenes Geld die Verkehrskanäle des Landes erfülle. 
Sie werden zu diesem Zwecke die Cirkulation fremder Münze erschweren oder 
derbieten, was nur Schwierigkeit bietet, wenn nicht genug eigene gute vorhanden ist; 
sie werden stets statistisch zu verfolgen fsuchen, was von dem gemünzten Geld etwa 
durch industriellen Verbrauch oder durch Export verschwinde, und werden darnach zu 
überlegen haben, ob genug Münze vorhanden sei, ob sie etwa, falls nicht die Banken 
prägen lassen, selbst durch Neuprägungen den Münzvorrat ergänzen sollen. Hauptsächlich 
aber werden sie suchen, durch eine richtige Währungs-, Bank- und Handelspolitik auf 
Erhaltung der nötigen eigenen guten Muͤnze hinzuwirken. 
e) Der Münzbedarf der Kulturstaaten ist natürlich je nach dem Stande der 
Arbeitsteilung, des Verkehrs, der Kreditentwickelung, welche viele Geldübertragungen 
urch Kreditgeschäfte ersetzt, je nach dem Umfang der individuellen Schatzbildung und 
Schnelligkeit der Geldcirkulation ein ganz verschiedener. Nach Soetbeers Schätzung von 
1891 kommen in Skandinavien 17—-18 Mark, in der Schweiz 52 —53, in Deutsch⸗ 
and 56, in den Vereinigten Staaten 65, in Großbritannien 78, in Belgien 83, in 
Frankreich über 200 Mark auf den Kopf der Bevölkerung. Humboldt schätzte im Anfang 
des 19. Jahrhunderts den Bedarf des nördlichen und östlichen Europas auf etwa 24, 
—DDDD 
zwischen 20 und 588 Mark. Man kann wohl annehmen, daß der Bedarf pro Kopf 
zuerst mit Ausbildung der Geldwirtschaft steige und zwar um so stärker, je langsamer 
die Cirkulation, je größer noch die private Schatzbildung ist, daß aber von einem 
gewissen Sättigungspunkt an die vollendete Geld- und Kreditwirtschaft wieder mit viel 
deniger Hartgeld auskomme, zumal je mehr Banknoten, Papiergeld, Wechsel- und 
Giroübertragungen zunehmen.“ Ich schätze, daß einzelne Gebiete Italiens und 
Deutschlands schon im 15. -517. Jahrhundert Münabeträge von 156 —40 Mark pro 
Kopf hatten. 
UÜber die jährlichen Münzprägungen haben wir für einzelne Städte und Gebiete 
und einzelne Jahre und Perioden sichere Zahlen bis zurück ins 16. und 16. Jahr⸗ 
hundert. Aber sie beweisen über den Münzumlauf nicht viel, da gerade aus den meist— 
drägenden Orten und Gebieten sehr viel und rasch Geld ausgeführt wurde; wir wissen 
auch nie, welcher Teil der neuen Münze aus Barren, welcher aus alter Münze geprägt 
wurde. Kursachsen prägte 1572 —1629 für 15,8 Mill. Reichsthaler, etwa zu 4,18 Mark 
also 71,1 Mill. Mark; die Bevölkerung wird höchstens eine halbe Million betragen 
jaben, also pro Kopf 142 Mark; es cirkulierte aber 1600— 1620 sicher nicht 140 oder 
davon mehr im Lande. Fur Brandenburg-Preußen berechnete ich, daß, alle Münze 
auf Silber reduziert, die Prägungen auf eine Nillion Menschen bezogen, 1519 ca. 8333, 
681-80 eo. 30 o00, 1764 1808 ca. As ob0, 1800 - 1836 ca. 43 000 Gewichtsmart 
dher jährlich in Münze ausgeprägt wurden (also 249 000 preuß. Thaler 1519, 
18 g00 1809 -1836). In Osterreich wurden nach S. Becker 1724 —48 jährlich etwa 
Mill. osterr. Gulden, 1798 7834 jährlich etwa 19 Mill. österr. fi. geprägt Frankreich 
VAa 1780/80 etwa 2200 Mill. Fr. Geld (100 auf 1 Mill. Seelen), 1888 etwa 800ö 
10 auf 1 Mill.), während es 179518883 fur über 18 000 Mill. Fr. geprägt hatle.
	        
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