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Erstes Buch, Cap. 1.
Minorität unter die Majorität. Ferner kann es auch in Demo-
kratien disciplinirte Heere, eine gesetzgebende und eine aus-
übende Gewalt, Steuern und Criminaljustiz, überhaupt Gesetze
and speciell Verfassungsgesetze geben. Mit all diesen Ein-
richtungen wird Godwin leicht fertig, indem er sie entweder
von vornherein für unnöthig erklärt, oder doch meint, sie
könnten und müssten wegfallen, wenn erst die Menschheit durch
Demokratie und Wahrheitslehre weiter vervollkommnet sei.
Es ist eharakteristisch, dass Godwin nicht nur die Theo-
en der Entstehung des Staats kraft göttlichen Rechts und
Jurch Gewalt bekämpft, sondern auch den Staatsvertrag an-
zreift, weil auch ein solcher die Individuen nicht binden
kann und soll (S. 152). Eine besondere gesetzgebende Ge-
walt giebt es nicht, sondern „Vernunft ist der einzige Gesetz-
geber“, d. h. die Gesellschaft kann gar keine Gesetze geben,
sondern nur erklären was die Natur schon festgesetzt hat.
Aehnlich hat ja auch Bentham den Staatsvertrag yerworfen
und das Nützlichkeitsprincip zur einzigen Richtschnur ge-
macht. Aber er folgerte daraus Majoritätsherrschaft und die
Nothwendigkeit nützlicher Gesetze, während Godwin principiell
jede Unterordnung des vernünftigen Individuums verwirft
and trotz dessen an die Möglichkeit friedlichen Nebeneinander-
lebens der Individuen glaubt, indem in jedem Individuum die
zleiche und gleichartige von Godwin’s Lehren beherrschte
Vernunft lebt.
Wenn keine gesetzgebende Gewalt nöthig ist, so ist noch
veniger eine davon getrennte selbstständige Executive am
Platz, d. h. es darf keine Minister etc. geben, die in gewissen
Dingen ohne oder gegen den Willen der Volksvertretung
%andeln (S. 554). Ehe alle Menschen und alle Völker weise
ınd glücklich geworden sind, können nothwendige Ver-
theidigungskriege zwar vorkommen; aber deshalb braucht
man kein stehendes Heer, ja nicht einmal eine Miliz, die in
Friedenszeiten exercirt und disciplinirt wird. Ein freies Volk
wird durch seine Begeisterung für die Freiheit ohne alle
Waffenübung über Veteranenheere siegen, die nicht wissen,
wofür sie kämpfen (S. 538). Selbst der Obergeneral bedarf