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Erstes Buch, Cap. 1.
er ausspricht, nur einen bestimmten praktischen Zweck hat;
dessen Kraft hauptsächlich darin besteht, dass er sein eigenes
Gefühl zum höchsten Affect steigert und stets an die Gefühle
seiner Hörer und Leser appellirt.
Die Zeiten sind vorbei, in denen es liberale Parteisache
war, Burke zu schmähen oder gar seine Parteinahme gegen
die französische Revolution mit persönlichem Interesse zu er-
klären 1). Burke ist einfach der alte englische Whig in sitt-
licher Empörung und thatkräftiger Auflehnung gegen einen
schrankenlosen Radicalismus. Er ist genau so viel resp. so
wenig inconsequent wie jene Radicalen, die trotz aller Volks-
zouveränetätslehre Revolution praktisch zu vermeiden wünsch-
ten — wenn auch bei ihm die Abneigung gegen Revolution
viel stärker war und sich im Erfolg oft zu einem starren
Gonservatismus steigerte. Seine Schwäche liegt nicht darin,
dass er nur die traditionelle gemässigte Freiheit wollte.
Was er wollte, war vielmehr überaus weise und richtig und
sine Schwäche seines Intelleets, nicht seines Charakters liegt
nur in der Art und Weise der Motivirung seines Willens.
Diese enthält eine überraschende Fülle praktischer Weisheit,
entwickelt eine unerreichte Kunst’ in der Beschreibung der
wirklich wirkenden Kräfte und der Ableitung allgemeiner
Erfahrungssätze, aber sie verzichtet überhaupt auf eine Philo-
sophie des Staats und des Rechts und macht daher der
Theorie des Individualismus allerlei Concessionen.
Burke ist eine überaus edle sittliche Kraft und er ist ein
künstlerisches Genie, das auf dem Gebiet der Politik wirkt —
aber er ist kein Denker, der einer Partei oder einem Volke
Aurchdachte Formeln als lange brauchbare Grundlage ihres
politischen Denkens und Glaubens darbietet. Er beobachtet
lie Thatsachen und lehrt Andere sie beobachten; er versteht
lie Empfindungen Anderer und spricht in schönsten Worten
») 8. H, v. Sybel in der Allgemeinen Zeitschrift für Geschichte
Bd. 7, Berlin 1847, über Burke und die französische Revolution — und
später über Burke und Irland. Vgl. auch Hillebrand, Deutsche Rund-
schau, Dcebr. 1879, und Morley’s Biographie von Burke. Sowie F. Gentz,
Eduard Burke’s Rechtfertigung — mit Vorrede, Berlin 1796.