Full text: Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands

J. Bentham, 
247 
ermüdend. Ueberdies ist vieles Detail nur für den Fach- 
juristen interessant. So fand Bentham zu seinen Lebzeiten 
verhältnissmässig wenig Leser; dennoch war seine Wirksam- 
keit eine überaus grosse. Auf Wenige wirkte er direct, allein 
indireet auf Millionen. Auch hat ein Theil seiner Schriften 
in Uebersetzung bei den romanischen Völkern fast stürmische 
Bewunderung gefunden. 
Robert von Mohl!), abgestossen durch die offenbare Ein- 
seitigkeit von Bentham’s Ausgangspunct, ist geneigt, seine 
Bedeutung auf Anregung ‚einzelner praktischer Reformen zu 
reduciren. Gervinus dagegen hat Bentham als den eigent- 
lichen Vater der modernen englischen Demokratie völlig ge- 
würdigt, Pauli schliesst sich diesem Urtheil an. In der That 
lebte sich in dem Geiste dieses abgeschlossenen Philosophen 
die demokratische Idee der Zeit am reinsten und consequen- 
testen aus, und Keiner vor oder nach ihm hat das Princip 
des Individualismus so vollkommen und bewusst auf die Spitze 
getrieben, wie er. Und er bietet nicht nur ein gedräng- 
tes Bild, er war die Personificirung einer in England noch 
nicht abgeschlossenen Bewegung. Er war auch in der That von 
allen intelleetuellen Factoren dieser Bewegung der Anregendste. 
Wir möchten ihn den Hauptvertreter des Utilitarianismus, 
den eigentlichen Propheten des modernen Englands nennen. 
Zeuge dafür ist nicht nur Stuart Mill, der in seiner bekannten 
Autobiographie schildert, wie er selbst in Bentham’schen Ideen 
auferzogen wurde, und als Jüngling Mitglied eines Benthamiti- 
schen Clubs war; Zeuge ist nicht nur die politische und 
sociale Literatur Englands seit 1820, sondern vor Allem kann 
man nachweisen, wie die grossen Agitatoren, die vor und nach 
Bentham’s Tode an der Spitze der Mittelclassen und des Prole- 
tariats standen, nicht nur dieselben Ideen wie Bentham . ver- 
fochten, sondern sich geradezu seiner Worte bedienten, 
Bentham war ein frühreifes Kind, der Stolz . eines ehr- 
veizigen Vaters: er folgte dem Vater so weit, dass er nach 
‘) Geschichte und Literatur der Staatswissenschaften, Bd. IIL (1858) 
Seite 590
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.