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Erstes Buch, Cap. 3.
liches behandelt, da die Gesellschaft oder Gesammtheit eben
lediglich als eine Summe erscheint. Dass das unbedingte
Ausgehen vom Einzelnen, seinem Glück und seinem Interesse,
eine allgemeine Ordnung und ein Recht im Grunde gar nicht
zulässt — ist ein Gedanke, der bei Bentham zwischen all
den Axiomen und Distinetionen nicht aufkommt.
Solches Ignoriren von logischen Sprüngen war nur mög-
lieh, indem Bentham in souveräner Abgeschlossenheit sich nie
um die Ansichten Anderer kümmerte.
Dagegen bemüht sich sein bekanntester Schüler, J. St.
Mill, Einwürfe zu widerlegen. Dieser liebenswürdige Eklektiker
war gleich Bentham ein reiner Stubengelehrter, eine unendlich
wohlwollende Natur und ein Geist, den anerkennenswerthe
Aufrichtigkeit zum Kampf gegen Vorurtheile trieb. Gleich
Bentham war er Philosoph, Politiker und Nationalökonom zu-
gleich. Aber nicht nur war Bentham der weitaus schärfere
Kopf: man muss auch sagen, dass Bentham’s Ignoriren innerer
Widersprüche lehrreicher wirkt als Mill’s Tendenz durch
optimistische Redensarten dieselben aus dem Wege zu räumen.
Bentham, einseitig wie er war, irrte nur deshalb, weil er
Vieles nicht sah, er war nie zugleich verworren. Aber können
wir es anders als confus nennen, wenn Mill in seinem Büchlein
über Utilitarianismus (5. Augabe, London 1874) die Nützlich-
keitslehre dadurch schmackhafter zu machen sucht, dass er
sagt, es komme nicht allein auf untergeordnete physische Ge-
nüsse an, Glück und Zufriedenheit seien nicht identisch, aber
Glück sei ein Gut, weil es factisch gewünscht wird. Also
dividuum, das Glück der grössten Zahl als feste Richtschnur für seine
Handlungen anzunehmen.
Bentham war sehr scharf in der Dialektik, sehr logisch und conse-
quent im Einzelnen, sehr aufrichtig und wahr im Ganzen, Wenn man
aber einmal auf Kurzsichtigkeit beruhende, ungenügende und durch ihre
Beschränktheit falsche Ausgangspunkte hat, so ist es unmöglich, bei
deren Anwendung auf das reiche Leben der Menschen im Grossen ab-
solut consequent zu sein. Der Utilitarianismus ist übrigens eine so über-
aus vage Vorstellung, dass man in der That leicht Vieles hinein interpretiren
kann. Das Wesentliche von Bentham’s Irrthum ist, dass er vom selbst
heaurtheilten Glück des Individuums — also vom Individnalismus — ausgeht.