R. Owen.
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phische Untersuchung über das grosse Problem von Freiheit
und Nothwendigkeit und die Beantwortung dieser Frage vom
Standpunct materialistischer oder idealistischer Weltanschau-
ung fehlt vollständig. Nirgends auch ist eine Andeutung zu
finden, ob und wie etwa die calvinistische Prädestinationslehre,
schon vor Owen’s Beschäftigung mit den Naturwissenschaften
bei ihm ähnliche Gedanken angeregt hat. Owen denkt über
diese Frage absolut nicht nach. Er spricht nur immer wie-
der und wieder das Axiom als seine Entdeckung aus, wobei
ihm die Frage, wie denn ihm trotz Aufwachsens in der irren-
den Welt diese Erkenntniss geworden sei, gar nicht aufstösst.
Der Satz ist einfach ein Ausfluss des Selbstvertrauens in seine
zur Lenkung der Menschen berufene Person, ein starker Aus-
druck seines heissen Wunsches, alle Menschen glücklich zu
machen und befindet sich in Harmonie mit seinem milden
Charakter, der jeden Fehltritt eines Menschen zu vergeben
geneigt ist.
Der wahre Gedanke, dass an dem moralischen Zustand der
Einzelnen die Gesellschaft eine Mitschuld habe, wird zu dem
falschen verkehrt, dass richtige Bildung Alles vermöge.
Er war vergleichsweise harmlos, so lange ihn Owen nur zur
Motivirung eines zeitgemässen Bildungsfanatismus verwendete
— er erzeugte aber im Laufe der Zeit die natürliche Ten-
denz das ganze Menschenleben in eine alle Freiheit er-
tödtende Schablone einzuzwängen. In diesen ersten Schriften
geht Owen noch nicht soweit, ja selbst im Kampf gegen die
Vertreter anderer Anschauungen bleibt er noch mässig.
Die Hauptvertreter des Irrthums sind ihm die Kirche,
die einen dem Wesen aller wahren Religion unnöthigen und
Störenden Dogmaglauben hinzugefügt habe (S. 281). Die
Doctrinen der Seeten haben die Liebe der Menschen zu ein-
ander getödet, haben Aberglauben, Bigotterie, Heuchelei, Hass,
Rachsucht und Krieg hervorgerufen. (S. 299). Dennoch sol]
die Staatskirche nicht zerstört und abgeschafft, sondern sie sol]
Rur reformirt, auf den Grundsatz der Liebe basirt und zur
Einrichtung eines segensreichen nationalen Schulwesens ver-
Wendet werden (S. 321).