Dichtung.
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esses. Es ist die Gegenerscheinung zur Entwicklung der gleich—
zeitigen Historien- und Genremalerei; wie in der Malerei der
Gegenstand vor dem Farbenleben beachtet wurde, so bevorzugte
hier der Dramatiker die Fabel vor dem Seelenleben der Ge—
stalten. Indem man nun aber bei festgehaltener Einheit des
Dramas möglichst großen Reichtum der Handlung erstrebte,
wurde der Kausalnexus zu scharf betont, kamen Spannungs-—
künste und Effekthaschereien auf, die schließlich zu impotenten
Steigerungen namentlich gegen den Schluß der Akte führten
und den Schauspieler als Virtuosen in den Vordergrund
drängten: verlor man in Summa die Innerlichkeit der Hand⸗
lung und damit ihre Verknüpfung mit der höheren Idee eines
Schicksals. Das Drama wurde damit schon vor den Zeiten
des modernen Realismus wieder zu einer freilich äußerst
kunstvollen und lebendigen Erzählung, und an Stelle der
Schicksalsidee fand sich eine bestimmte Tendenz des Dichters
ein, der Versuch, irgend einen gerade umstrittenen Satz aus
dem Bereich der sittlichen oder wohl auch der metaphysischen
Fragen als wahr oder nicht wahr nachzuweisen: im besten Falle
allerlei Weltverbesserungs- oder Weltschmerzideen, im schlimmeren
das Thesenstück der Dumas kils und Augier und ihrer Nach—
ahmer in Deutschland. Das war, vom Standpunkte der
inneren Form aus betrachtet, das Erbe, welches die beginnende
moderne Bewegung in den achtziger Jahren übernahm.
Da konnte es nun kaum zweifelhaft sein, wie sich das
Drama weiterentfalten würde. Ganz der Durchbildung zu—
nächst der äußeren Form zu jener illusionistischen Stärke zu—
gewandt, die wir heute besitzen, warf der deutsche Impressio⸗
nismus mit wenigen Ausnahmen so viel als möglich auch noch
die letzten Resterscheinungen der inneren Form über Bord: das
Thesenstück verschwand, von stark bewußter Gestaltung der
Schicksalsider war keine Rede mehr, das Drama sollte nichts
sein als die Wiedergabe eines Stückes physiologischen, sozial⸗
psychischen, individualpsychischen, neurologischen Lebens.
Aber konnte man sich mit alledem begnügen, als man immer
mehr zur vollen Herrschaft über die neue äußere Form gelangte