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Vortrag über
genannte Meister, d. i. Inhaber oder Geschäftsleiter von Be-e
trieben, von denen also nothwendig mehr als eine Million keine
Gehilfen oder Lehrlinge haben. Denn nach amtlicher Schätzung
sind 78 % aller Kleinbetriebe „Einzelbetriebe‘.
Sind dies Handwerksmeister? Antwort: Nein! Es sind
der Hauptsache nach Acecordarbeiter, Hausindustrielle und
Taglöhner im Dienste wechselnder Auftraggeber — Proleta-
rier oft in höherem Grade als die eigentlichen Fabrikarbeiter.
Wie viele Procente der gesammten gewerblichen Personen
nun wirklich noch dem eigentlichen Handwerk angehören, ist
nicht genau zu sagen. Ein Kenner!) schätzt die Zahl auf
etwa ein Drittel im Deutschen Reich.
Es kommt auf solche Zahlen aber «wenig an; es handelt
sich nicht um eine statistische, sondern um eine Verfassungs-
frage, Es fragt sich, welche Organisation der gewerblichen
Produetion ist heute die tonangebende und herrschende, nach
welcher Organisation streben alle fortschrittlichen wirthschaft-
lich starken Elemente?
Gesetzt, wir hätten noch mehr Handwerksmeister und Ge-
sellen als Fabrikanten und Fabrikarbeiter: was nützt dies, wenn
jeder glückliche und erfolgreiche Meister strebt, ein kleiner
Fabrikant zu werden, während die Andern Fabrikwaaren ver-
kaufen und gelegentlich für Fabriken arbeiten — wenn jeder
gute Handwerksgeselle in eine Fabrik mit höherem Lohn über-
gehen kann, und im Handwerk dieselbe Behandlung verlangt
wie in der Fabrik? Was nützt dies, wenn auf jedem Gebiet,
auf dem Handwerk und Fabrik conecurriren, die letztere siegt,
und dem ersteren dietirt, was und wie und zu welchem Preis
es noch produciren kann? Was nützt es, wenn überhaupt
die Fabriken rasch vorwärts schreiten, während das Hand-
werk mühsam um Erhaltung eines Existenzgebietes ringt, und
die alten Formen seiner Organisation preisgeben muss —
bis auf die eine Eigenthümlichkeit des kleineren Umfangs
des Betriehs?
1) Oesterreichische Monatsschrift für Gesellschaftswissenschaft, Dechr.
1879, S. 570.