Die Karlingische Renaissance.
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schlingungen, im bloß virtuellen Ausgleich der einzelnen orna⸗
mentalen Felder. Nicht umsonst war die nationale Kunst der
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sie abgeklärt in ihrem Formenkanon; zum erstenmal hatte sich
ihr namentlich das Geheimnis der symmetrischen Anordnung
herwandter Motive erschlossen.
Und schon stand sie vor einer neuen Stufe ihrer Entwicklung.
Bereits in den letzten Zeiten der Merowinge waren gelegentlich
neben den alten Tiermotiven ornamentierte Pflanzen beliebt
worden, sei es auch nur in einzelnen Teilen des pflanzlichen
Organismus, in Keimen, Blättern, Blüten. Die Neigung in
dieser Richtung nahm seit Mitte des 9. Jahrhunderts sichtlich
zu, die alte Tierornamentik begann zurückzutreten; um die Wende
des 9. und 10. Jahrhunderts befinden wir uns in den unzweifel—
haften Anfängen eines neuen Stiles der Pflanzenornamentik.
Es ist sicher, daß dieser Fortschritt auf einer immanenten
Entwicklung der deutschen, nationalen Kunst beruhte; die neue
pflanzenornamentik war völlig unabhängig vom unmittelbaren
Vorbild der Antike. Andrerseits aber läßt sich schwerlich ver—
kennen, daß hier doch auch die Kunstströmung der Karlingischen
Renaissance mittelbar fördernd gewirkt hat; vermöge einer leise
hewirkten Anderung des Geschmackes überhaupt wußte der
Kanon der antiken Kunst auch die so gänzlich anders geartete
germanische Kunstanschauung zu befruchten.
VI.
Wir sind damit zu dem für uns springenden Punkte in
der Geschichte der Karlingischen Renaissance gelangt, zu der
Frage, was diese Bewegung denn speziell für die deutsche Ent—
wicklung ausgetragen habe.
Für das Gebiet der künstlerischen Anschauung, wo die
Denkmäler laut und untrüglich reden, kann die Antwort mit
ziemlicher Sicherheit gegeben werden. Die einheimische, noch
rein ornamentale Auffassung wurde abgeklärt und auf ein neues,