Politische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Reiches. 93
tellektuelle Seite des nationalen Seelenlebens aufs stärkste vor—
wärtsgetrieben und befruchtet wurden. Wie unendlich viele
Willensakte und Überlegungen wurden jetzt nötig, die freier
waren und mehr Gedächtnis voraussetzten und Voraussicht be—
kunden mußten als wirtschaftliche Akte derselben Art je zuvor!
Wirtschaftliche Akte dieser Art aber machten in jenen Zeiten
vielleicht noch mehr als heute die große Mehrheit überhaupt
alles Wollens und Denkens aus. So konnte es nicht aus—
bleiben, daß aus diesen Zusammenhängen her das Geistesleben
der Nation überhaupt einen starken, wenn nicht den stärksten
Anstoß zur Weiterbildung erhielt: kein Zweifel, daß mit diesem
Wechsel der Übergang von einer Kultur des älteren Seelen—
lebens zu einer Kultur neuer seelischer Haltung, wie sie mit
den Karlingen aufzutreten beginnt, aufs innigste verquickt war.
II.
Die zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts war zugleich die
Zeit, in der die letzten tieferen Spuren der römischen Geld—
wirtschaft im Frankenreiche verwischt wurden, in der die Ten—
denz zur absoluten Naturalwirtschaft zu siegen begann.
Um diese Zeit fängt die alte, klassische Goldwährung an
zu verfallen, das Zeichen einst hochstehender Volkswirtschaft.
Im Westen des Reiches wird der Goldsolidus immer seltener;
Alamannen und Baiern, die bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts
den Goldsolidus, freilich mehr als Schmuck denn als Münze,
behielten, behelfen sich nun mit byzantinischen Exemplaren,
welche die Donau heraufdringen. Im Westen dagegen wird
seit Ende des 7. Jahrhunderts die Silberprägung stärker auf—⸗
genommen: anscheinend ohne jede gesetzliche Maßregel, unter
vielfachem Mißbrauch des staatlichen Münzregals durch Große
und unbotmäßige Münzmeister entwickelt sich eine thatsächliche
Doppelwährung. König Pippin und Karl der Große haben
dann die Münzverhältnisse allgemein geordnet. Um 780 kann