102 Fünftes Buch. Drittes Kapitel.
vollen Ausnahmestellung gleichwohl eine gewisse staatliche An—
erkennung zu verschaffen; und gleichzeitig hatte er die auserlesene
Mannschaft seiner berittenen Vassen durch das Aufgebot seiner
Freien, ja oft sogar seiner unfreien und hörigen Hintersassen
im Sinne einer Fußtruppe verstärkt.
Es waren freilich die freien Hintersassen dadurch, daß sie
seit Mitte des 7. Jahrhunderts massenhaft den Grundherrschaften
zuströmten, zunächst nur in wirtschaftliche und administrative
Abhängigkeit vom Grundherren geraten; im übrigen hatten sie
ihre staatlichen Pflichten, die Heerespflicht und die Gerichts—
oflicht, vielfach beizubehalten versucht, und jedenfalls verehrten
sie ihren Grundherrn wohl als Aldermann, als Senior (Seigneur),
nicht aber als alleinigen Befehlshaber und Richter.
Indes hinsichtlich der Heerespflicht war es doch sehr natür—
lich, daß der Graf, der namens des Königs zum Heereszug
aufbot, den Befehl an die Hintersassen durch den Grundherrn
vermitteln ließ, und noch natürlicher, daß der Grundherr, der
Schutzherr seiner Leute, die Hintersassen unter seinem Kommando
dem Grafen zuführte. Erst recht galt das von den Vassen. Und
so stießen denn die Grundherren mit kleinen, ihnen gleichsam
eigentümlichen Scharen zu dem allgemeinen Kontingent der Freien
des Gaues, die sich unter dem Grafen sammelten. Sollten
diese besonderen Körper des grundherrlichen Aufgebots sich nun
bei der taktischen Formation des gesamten Gaukontingentes
unter dem Grafen auflösen? Sie hielten auch ferner zusammen,
auch im Kriege blieben sie besondere Heeresabteilungen: schon
in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts stand das fränkische
Heer in Gefahr, in einzelne grundherrliche Körper neben den
alten Kontingenten der Freien zu zerfallen.
Mit allen Kräften haben dem die großen Karlinge, vor
allem Karl der Große, entgegengewirkt. Aber es gab nur ein
durchschlagendes Gegenmittel: die Wiederherstellung der Gau—
kontingente der Freien in ihrer alten Ausdehnung, ja womöglich
deren numerische Erhöhung bis zu dem Grade, daß die grund—
herrlichen Körper darin verschwanden. Auch von diesem Gesichts—
punkte her erklärt sich die immer wiederholte Sorge Karls des