114 Fünftes Buch. Drittes Kapitel.
fahren, setzen Runensteine bis in die Gegend von Nowgorod;
im Westen tragen Hunderte hochbordiger Segler die kühnen
Schiffer an den Gestaden des atlantischen Ozeans hin bis in
entlegene Teile des Mittelmeeres; bis Rumaburg (Byzanz) sind
sie gelangt; der Marathonlöwe des Piräus, jetzt vor St. Markus
in Venedig, trägt die Runenzeichen eines nordischen Manns,
und über 20000 arabische Silbermünzen haben sich bisher in
schwedischen Gräbern gefunden.
Hauptzielpunkte normannischen Angriffes aber wurden seit
den dreißiger Jahren des 9. Jahrhunderts namentlich die Küsten—
länder des verwaisten Karlingischen Reiches; weit ins Land
hinein wurden die französischen Gestade und die Flußlandschaften
der Loire und Seine geplündert; in Lothringen drangen die
Nordleute bis Mastricht und Köln, ja über die Ardennen und
die Eifel hinaus bis ins traubenreiche Hügelland der Mosel.
Am wenigsten verwüsteten sie dabei das eigentliche Ost⸗
franken; hier waren die Küstenlandschaften ärmlicher, die Staats—
gewalt fester gefügt. Um so bedeutsamer, daß sich eben Ost⸗
franken, das künftige deutsche Reich, zur ersten kräftigen Abwehr
der nordischen Gefahr emporraffte; wiederholt, zuletzt in der
blutigen Schlacht an der Dyle (bei Löwen), wurden die Nor—
mannen von deutschen Waffen besiegt (891).
Im übrigen fiel dem ostfränkischen Reiche vor allem der
Widerstand gegen die Bedrängung von Osten her zu. Er war
um so schwieriger, als es sich hier wenigstens bei den Slawen
nicht um zeitweilige Überschwemmung des Landes durch einen
auswärtigen Feind, sondern um das langsame Vordringen eines
kolonisierenden Volkes handelte. Unvermerkt machten deshalb
die Slawen an Elbe, Saale und Main Fortschritte trotz aller
Gegenwehr; vor allem aber erhob sich in Mähren in der zweiten
Hälfte des 9. Jahrhunderts ein mächtiges Reich unter dem
gewaltigen Swatopluk, das etwa um das Jahr 880 den Höhe—
punkt seiner Blüte erreichte. Zum erstenmal trat damit dem
deutschen Reiche der europäischen Mitte ein slawisches Reich
gleichen Anspruchs zur Seite; es war eine Kombination, wie
ie sich später, nur mit stets stärkerer germanischer Färbung