Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Holitische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Reiches. 118 
des Ostens, unter König Ottokar von Böhmen und Kaiser 
Karl IV. wiederholte, wie sie bis zu einem gewissen Grade 
noch heute im cisleithanischen Österreich fortdauert. 
Das Reich Swatopluks hätte der deutschen Entwicklung 
ernste Gefahren bringen können, wären nicht an seinen Ost— 
grenzen um 892 die Ungarn aufgetreten, während beinahe 
gleichzeitig, 894, Swatopluk starb und das Land unter seine 
zwei Söhne geteilt zurückließ. Nun kam es zu wechselvollen 
Existenzkämpfen der Mähren gegen die Ungarn; in den Jahren 
904 - 906 ging ihre Herrschaft daran zu Grunde. 
Das deutsche, ostfränkische Reich hat diesen Untergang 
durch seine Haltung beschleunigen helfen. Mit Recht. Die 
Slawen waren eben damals im Übergang zu seßhafterem 
Ackerbau begriffen; sie nutzten Land im Anbau, ohne doch die 
alte nomadische Beweglichkeit ganz verloren zu haben; es war 
der Zustand, der den Germanen einst den Weg in die römischen 
Provinzen gewiesen hatte. So vermochten die Slawen damals 
wohl in deutsche Gebiete dauernd vorzudringen und sie völlig zu 
slawisieren. Anders die Ungarn. Sie waren noch völlig Nomaden. 
Mochten sie unser Land in furchtbaren Zügen flüchtig durcheilen, 
verheeren, aussaugen: einnehmen konnten sie es nicht; seine Korn— 
felder und Wiesen boten keine Grundlage nomadischen Lebens. 
Freilich schlug die Ungarnzeit dem deutschen Lande ent— 
setzliche Wunden. Seit etwa 900, während des tiefsten Ver— 
falles des Reiches, tauchten die Ungarn in Deutschland auf, 
weithin vernichten ihre Züge alle Kultur, 906 erscheinen sie in 
Sachsen, 909 in Schwaben, 911 in Rheinfranken. Erst spät 
sind sie besiegt, noch später endgültig vertrieben worden. Nicht 
vor der Mitte des 10. Jahrhunderts konnten sich die Deutschen 
rühmen, durch Hemmung des slawischen Vormarsches und durch 
Zurückweisung der ungarischen Einfälle die europäische Kultur 
vor der Invasion östlicher Barbarei gerettet zu haben. 
Einstweilen aber warfen die äußeren Nöte, wie sie zu— 
sammentrafen mit dem inneren Verfall, das Ostfrankenreich in 
ein gesellschaftliches und politisches Chaos, woraus sich erst 
langsam, im Laufe der zwei ersten Jahrzehnte des 10. Jahr— 
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