Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Politische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen KReiches. 119 
Andrerseits war das gering entwickelte Stammesgefühl noch 
dadurch entartet, daß der Stamm seit Lothar II. (855) auf 
zwei Jahrzehnte ein zwischen Ost- und Westfranken inne 
stehendes selbständiges Reich gebildet hatte: eine unbegründet 
selbständige Stellung, welche auch noch nach der Einverleibung 
——— 
auf drei Jahrzehnte bis zu einem gewissen Grade gewahrt 
hlieb. Die Folge war, daß sich eine wahre herzogliche Gewalt 
aur schwer bildete; aus wüstem Kampfe der einheimischen 
Geschlechter ging endlich Reginar als Sieger hervor, der Graf 
des Haspengaues: doch erst sein Sohn Gisilbert gebärdete sich 
seit dem Jahre 915 völlig als Herzog. 
Aber schon vorher hatte der lothringische Adel unter 
Reginars Führung den staatsrechtlichen Zusammenhang des 
Stammes mit dem Ostreiche zerrissen und sich Westfranken zu— 
gewandt. In Lothringen besonders leicht erklärlich, enthielt der 
Vorgang gleichwohl eine allgemeine Warnung für den Verlauf 
der deutschen Geschicke: war die Entwicklung der neuen Herzog⸗ 
tkümer nicht zugleich eine ernste Gefahr für die Einheit des 
Reiches? Ja, wie hatte sie überhaupt stattfinden können ohne 
gleichzeitigen, nahezu völligen Untergang der Centralgewalt? 
Auf Kaiser Arnulf war im Jahre 900 dessen Sohn Ludwig 
als Herrscher Ostfrankens gefolgt, erst sechs Jahre alt, aber 
schon in so frühem Alter mit den deutlichen Spuren des erb⸗ 
lichen Siechtums der deutschen Karlinge gezeichnet. Es begreift 
ich, daß unter diesen Umständen die selbständigen Entwicklungs— 
triebe der Stämme in so freien Bahnen sich vorwärts bewegten, 
wie sie eben geschildert wurden. Traten ihnen noch bemerkens— 
werte Kräfte entgegen, so bestanden sie nur im Nachwirken der 
altererbten Gewohnheit des größeren Reichsumfangs und in 
den unitarischen Neigungen des Klerus. Fast nur dem Klerus 
derdankte es daher das Reich, nachdem Ludwig im Jahre 911 
vorzeitig gestorben, daß ein neuer König in Konrad J. gewählt 
ward, dem Frankenherzog aus dem Stamme der Konradiner. 
Konrad, eine achtunggebietende, staatsmännisch angelegte 
Natur, sachte dem Zerfall des Reiches in Stammesherzog⸗
	        
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