Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Sechstes Buch. Erstes Kapitel. 
Auf dem Wahltag Heinrichs zu Fritzlar, im Mai 919, 
hatten die deutschen Stämme zwischen Vergangenheit und Zukunft 
zu entscheiden. Nur Sachsen und Franken beteiligten sich, seit 
der Bekehrung der Sachsen zum Christentum gern als besonders 
nahverbunden betrachtet!; die Wahl des Ortes zeigt, daß man 
auf die andern Stämme wenig gerechnet hatte. Heinrich, von 
Sachsen und Franken gewählt, lehnte die kirchliche Weihe, die 
der Metropolit von Mainz ihm anbot, stolzbescheiden ab; ohne 
Verpflichtungen gegen die Kirche, deren Beihilfe seinem könig— 
lichen Vorgänger Konrad wenig genützt hatte, begann er die neuen 
Rechte zu üben. 
Er ist dabei mit äußerster Vorsicht verfahren und hat das 
Bestehende thunlichst geschont. Die neuen herzoglichen Ge— 
walten, die sich allenthalben gebildet hatten, waren nur Ausdruck 
des Strebens der Stämme nach Selbständigkeit?; sie konnten 
nicht beseitigt werden; eher mochten sie als willkommene Bil— 
dungen zu betrachten sein, welche, die Kraft der einzelnen 
Stämme zusammenfassend, wenigstens eine oberflächliche, ver⸗ 
tragsförmige Bindung aller Stämme an eine Centralgewalt 
gestatteten. 
Heinrich gewann zunächst die oberdeutschen Herzöge. Mit 
Burchard von Schwaben, dem tapferen Schirmer und Erweiterer 
schwäbischen Einflusses gegenüber Burgund, schloß er einen 
Vertrag ab, wonach der Herzog seine Unterwerfung aussprach: 
„er ergab sich samt allen seinen Städten und seinem Volke, 
und Heinrich führte alles glücklich hinaus,“ erzählt Widukind. 
Wie es dabei mit den schwebenden kirchenpolitischen Fragen 
gehalten wurde, erfahren wir nicht. Ebenso wie Burchard 
füate sich auch der stolze Arnulf von Baiern, ohne daß es 
* Widuk. 1, 15: quasi una gens ex christiana fideo. 
2 Zum gegenseitigen Widerwillen der einzelnen Stämme, vornehmlich 
auch der Niederdeutschen gegen die Oberdeutschen, vgl. G. epp. Leod. 2, 26, 
SS. 7, 204: perfidia et fraus Alemannica; Thietm. 5, 12. éxecrata Ale- 
mannorum turba ad rapiendum promptissima; Thietm. 5, 19: in- 
satiabilis avaritia Bawariorum. S. auch Bruno de B. sax. e. 28; 
Ann. Aug. 1080. Zum Selbstbewußtsein der Sachsen s. Hrot. G. Odd. 4; 
Ann. Quédlinb. 1021, 88. 3, 87 3. 53. — Waitz-Zeumer V 158 f.
	        
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