Gründung des dentschen Reiches; Erneuerung des Kaisertums. 129
wirtschaft kaum von den Anfängen eines primitiven Handels
und grundherrschaftlicher Gewerbe durchbrochen.
Diese Zustände denen der westdeutschen und süddeutschen
Kultur anzunähern, war nicht leicht, und König Heinrich hat
systematische Maßregeln in dieser Richtung schwerlich bewußt
ins Auge gefaßt. Aber die äußere Lage des sächsischen Stammes
selbst drängte sie ihm auf.
Die Einfälle der Ungarn, auch in Süddeutschland furchtbar
empfunden, drohten in Sachsen während der zwanziger Jahre
des 10. Jahrhunderts unmittelbar zum Ruin des Landes zu
führen, da sie nirgends an stärkeren Befestigungen brandeten,
nirgends ihnen geschulte Massen berittener Krieger entgegen—
traten, wie dies in Süddeutschland seit langem geschah. Indem
König Heinrich als Herzog von Sachsen Abhilfe suchte, ward
er zum systematischen Begründer von ummauerten Zufluchts—
stätten des Volkes, von Burgen. Indem er die taktische Über—
legenheit des sächsischen Volksaufgebotes gegen die Nomaden-
reiterei des Feindes herzustellen suchte, brachte er, wie einst
Karl Martell die Franken, seine Sachsen zur Entwicklung einer
einheimischen Reiterei. In beiden Fällen mag er von der Ver⸗
fügung über die besseren Unfreien seiner Grundherrschaft, viel—
leicht auch von Einrichtungen des öffentlichen Rechts der Kar—
lingenzeit ausgegangen sein; sie wurden zu Erbauern, Bewohnern
und Schützern der Burgflecken gemacht, sie wurden zum Reiter⸗
dienste gehalten. Aber da die Großen des Landes diesen An—
regungen folgten, da von seiten Heinrichs alles geschah, um den
Verkehr der Burgen zum üblichen Marktverkehr des deutschen
Westens umzubilden, so wuchs ein neuer Stand reisiger Dienst—
mannen empor, bildeten sich die Keime städtischen Lebens im Lande.
Verheißungsvolle Anfänge! Indem das Land die Grund—
lagen künftigen Rittertums wie späterer Bürgerschaft zunächst auf
teilweis künstlichem Wege entwickelte, gedrängt von der Ungarn—
not, nahm es noch zu rechter Zeit jene Fermente der späteren
gesellschaftlichen Bildungen der Stauferzeit in sich auf, die in
den andern Stämmen schon bestanden, und gewann damit die
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d. Jodenberg. Mitt. d. Inst. f. öst. Geschichtsforschung XVII (1896)
Lamprecht, Deutsche Geschichte II.