Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

46 Sechstes Buch. Erstes Kapitel. 
miteinander gerungen. Das jeweilige Übergewicht des einen 
oder des anderen Teiles zeigte sich, wie noch heute, im Besitz 
der streitigen Gebiete an der beiderseitigen Grenze, damals des 
lothringischen Herzogtums. Heinrich J. hatte es an Deutschland 
gebracht, aber jeder einigermaßen mächtige westfränkische König 
des 10. Jahrhunderts strebte darnach, es zurückzuerobern. So auch 
Ludwig IV., der Sohn Karls des Einfältigen. Am englischen 
Hofe flüchtig lebend, war er nach dem Tode Rudolfs II. von 
Burgund und Westfranken im Jahre 936 auf den Thron seiner 
Ahnen zurückgerufen worden von einer Partei, der der 
Übergang der Krone an den mächtigen Herzog Hugo von Francien 
widerstrebte. Sofort suchte er allgemeinere Anerkennung zu 
finden, indem er sich gegen Lothringen wandte. Der Augen— 
blick war günstig; Otto war in die inneren Stammes- und 
Familienkriege seiner ersten Regierungsjahre verwickelt. Otto 
half sich gegenüber den westfränkischen Machenschaften und Feld— 
zügen durch Unterstützung der inneren Feinde Ludwigs und trat 
so den unaufhörlichen Wirren des westlichen Reiches näher. 
Die Folge war, daß sich die Gegenwirkungen der Könige 
allmählich ausglichen; man erkannte das Unfruchtbare der 
beiderseitigen Eingriffe und brachte es im Jahre 942 zu 
Voyse an der Maas zu einer freundschaftlichen persönlichen 
Begegnung, wobei Ludwig vermutlich auf Lothringen verzichtete, 
während Otto zwischen den westfränkischen Großen und Ludwig 
zu vermitteln versprach. 
Allein die nächsten Jahre verliefen trotzdem für Ludwig 
von Frankreich ungünstig; um 945 war er völlig machtlos. 
Nun trat Otto unmittelbar für ihn ein. Im Jahre 946 unter— 
nahm er einen großen Zug nach Westfranken, der sich natur— 
gemäß gegen Herzog Hugo von Francien, den Hauptfeind Lud— 
wigs, richtete, belagerte Laon, Reims, Senlis und Rouen, wenn 
auch teilweis vergebens, verwüstete die Normandie und kehrte 
bei nahendem Winter in die Heimat zurück. 
Die Fahrt, militärisch glänzend, nützte Ludwig nichts. 
König Otto gebrach es an Organen, die Großen Frankreichs 
dauernd an ihren rechtmäßigen Herrscher zu fesseln. Über diese
	        
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