Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 147
verfügte im 10. Jahrhundert nur eine, allen westeuropäischen
Nationen gleich allgegenwärtige Institution, die Kirche. Nur
sie konnte durch unablässige Anwendung ihrer Gnaden und ihrer
Schreckmittel die Großen der Treue gegen Ludwig unterwinden.
Diese Macht rief Otto jetzt an; immer mehr nahm er
die Kirche für seine Politik grundsätzlich in Anspruch. Auf
sein Drängen schrieb Papst Agapit II. eine allgemeine Synode
der deutschen und westfränkischen Bischöfe nach Ingelheim aus;
sie tagte im Juni 948 mit dem offenen Programm, Ludwig zu
stützen. Hugo von Francien ward mit dem Banne bedroht;
als er sich nicht fügte, dieser auf einer neuen Synode zu Trier
über ihn verkündet. Zur Vollstreckung der Sentenz sandte König
Otto den Herzog Konrad von Lothringen gegen Hugo; nach
wiederholten Feldzügen stiftete Konrad Ruhe, die bis zum Tode
König Ludwigs im Jahre 954 erhalten blieb.
Darnach ging die Pflege der westlichen Beziehungen fast
ganz an Erzbischof Bruno von Köln, Ottos Bruder, über; er
hat es verstanden, die einzelnen Parteien Frankreichs durch
feinfühlige Vermittlung in gegenseitiger Spannung zu halten
und dadurch Lothringen dauernd an das Reich zu fesseln.
Im ganzen blieb das Übergewicht Deutschlands über das
westfränkische Reich unbestritten, fand es auch nicht immer den
starken Ausdruck der vierziger Jahre, während derer König
Otto als Schiedsrichter, ja als Herr der Schicksale des Westens
bezeichnet werden konnte. Erst als Frankreich die furchtbare
Erbschaft der karlingischen Zerrüttung überwunden hatte, die
ungleich schwerer auf ihm denn auf Deutschland lastete: erst,
als es jene nationale Gleichartigkeit des Volkstums gewonnen,
die, in Deutschland viel früher möglich, unserm Volke im
10. Jahrhundert einen nicht auszugleichenden politischen Vor—
sprung vor den werdenden Nationen der Romanen gab, trat es
ebenbürtig in den Reigen der Völker, um Deutschland bald
in der Kultur und schließlich auf langehin auch politisch zu
überflügeln.
Unter den Ottonen aber und Saliern wandte sich das
deutsche Interesse vielnehr Burgund und Italien zu: Bur—
gund und Italien sollten zusammen mit Feutschland