Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Gründung des deutschen Reiches; Erneuerung des Kaisertums. 155 
Otto stützte sich von nun ab auf die Kirche: trug die erste 
Hälfte seiner Regierung den Stempel eines Zeitalters der 
Herzöge, der dominierenden Laiengewalten, die zweite wird sich 
als kirchlich, als Zeitalter der Bischöfe kennzeichnen. 
Es war ein Schritt von fast unberechenbaren Folgen. Die 
Kirche war in jener Zeit, wie im früheren Mittelalter über— 
haupt, die Trägerin wichtigster Ideen. Trat sie zum Staat in 
ein näheres Verhältnis als bisher, so mußte das staatliche 
Leben sich mit diesen vielmehr als bisher erfüllen. Die Kirche 
war in dieser Zeit ferner die einzige Macht, welche die Ein— 
nahmen eines großen Vermögens vornehmlich zu sozialen, nicht 
zu privaten Zwecken verwandte. Sie stand in dieser Hinsicht, 
in ihrer Verfassung noch ein Erzeugnis der römischen Kaiser— 
zeit, auf einem Standpunkte, den Staaten nur in Zeitaltern 
hoher Kultur zu erreichen pflegen. Sie mußte dem Staate, 
wurde sie eng mit ihm verquickt, einen Abglanz dieser höheren 
Aufgaben vermitteln; sie mußte ihm weit über den alt— 
germanischen Friedenszweck des Mittelalters hinaus als Ideal 
nahelegen, für Menschlichkeit und Sittlichkeit zu wirken; sie 
vermochte vor allem den umfassenden Verwaltungsapparat, den 
sie zunächst für ideale, kirchliche Ziele entwickelt hatte, der 
Zentralgewalt für königliche, politische, zentralistische Zwecke 
zur Verfügung zu stellen. Darauf besonders kam es Otto dem 
Großen an. Denn seinerseits etwa in das Getriebe der kirch— 
lichen Verwaltung oder gar in die Entwicklung des Dogmas 
einzugreifen, wie die Zeiten Karls des Großen gethan hatten, 
ist ihm nie in den Sinn gekommen. 
Langsam vollzog sich in den letzten Jahrzehnten Ottos des 
Großen und unter seinem Nachfolger die völlige Durchdringung 
der Kirche und des Staates. Der König verfügte über die 
Bischöfe als über Verwaltungsbeamte, die niemals erblich 
werden konnten; er ernannte und beaufsichtigte sie; er verwandte 
alle kirchlichen Mittel, gelegentlich bis zu deren Erschöpfung, 
für politische Zwecke. Die Kirche erfreute sich des absolutesten 
staatlichen Schutzes; es war selbstverständlich, daß die Könige 
fromme Herrscher waren; sie gewann eine Fülle nutzbarer
	        
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