Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 191 
Nation auf diesem Gebiete in die Ausgestaltung der großen 
typischen Personen der Heldensage ergossen, so reichte die christ— 
liche Kirche späterhin in der massiven Ethik der Missionszeit, 
im Gegensatz namentlich von böse und gut, dem nationalen 
Verständnis ein nur zu einfaches Schema dar. Bald entwickelte 
sich, vielleicht im Anschluß an Anschauungen der urchristlichen 
Zeit, der Glaube, jeder Mensch sei von einem guten und schlechten 
Engel umgeben, der eine vom Herrn gesandt, der das Gute 
lehrt, der andere emporgestiegen aus dem schwarzen Abgrund 
der Hölle, mahnend zum Bösen. Sie streiten um des Menschen 
Herz, das passiv und an sich inhaltslos leidet als Schlachtfeld 
innerer Kämpfe: nur Gottes Gnade, ein dritter, fremder Faktor, 
hilft zu Sieg und Gelingen. Diese und verwandte Vor—⸗ 
stellungen ersticken jedes tiefere Verständnis zeitgenössischer 
Charaktere; sie beherrschen mehr oder minder alle Lebens⸗ 
— D 
zeugnisse der Pietät, gleichsam als Ersatz für die unterdrückten 
feierlichen Totenlieder der Heidenzeit gelten können, nicht als 
geschichtliche Kunstwerke geistig freier Empfängnis!. Ja noch 
mehr: diese Vorstellungen beherrschen und typisieren die zeit— 
genössische Geschichtschreibung überhaupt; selbst einer Hrotsuit 
von Gandersheim, die allein in diesem Zeitalter sich auf die 
Belebung von Personen im Drama verstand, erscheinen die 
Schicksale des Ottonischen Hauses als Offenbarungen bald 
himmlischer, bald höllischer Eingebung; Gott und Satan 
kämpfen bei ihr um die Herrschaft über die einzelnen Träger 
der geschichtlichen Handlung. 
Die Anschauungen der Hrotsuit, einer hochstehenden, zudem 
vom Hauche klassischer Tradition erfaßten und geläuterten Frau, 
offenbaren mit einem Schlage die tiefsten Gründe im intellek—⸗ 
tuellen Leben der Ottonischen Zeit: noch nahm man nur typisch 
Bewußtseinsinhalte auf, indem man entweder die Thatsachen 
nur ihren äußerlichsten Eindrücken nach verarbeitete, oder indem 
Als erste nennenswerte Ausnahme hiervon wird Adams Leben 
des Erzbischofs Adalbert von Bremen angesehen. S. Hauck III ggso ff. 
349 2; auch Nitzsch I 8.
	        
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