Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 221
Sammlungen von zweihundert Mönchen in einem Kloster waren
nicht selten. Konnte diese Unsumme geistiger Kraft dauernd
sich einer großen, von Staat und weltlichem Klerus getragenen
Bewegung entziehen? Auch die alten Klöster der Karlingischen
Zeit erlebten noch eine reiche Nachblüte vornehmlich in Schwaben
und Franken, und Tegernsee und Altaich in Baiern traten ihnen
als reiche Sitze der Wissenschaft würdig zur Seite. In Sachsen
aber, unter den Augen sozusagen der Ottonischen Herrscher,
kam es zu einer weder vorher vorhandenen, noch je wieder er⸗
reichten Höhe klösterlichen Geisteslebens. Im 9. Jahrhundert
hatten sich die Sachsen fast ebenso rasch, wie einst ihre angelsäch—
sischen Vettern, christliche und klassische Bildung zugleich angeeignet:
wie neben Aldhelm Caedmon und Cynewulf stehen, so neben Agius
die Verfasser des Heljand und der Genesisfragmente des Vaticans.
Ein so rasches Ergreifen doppelter Bildungselemente setzt ein
großes eingeborenes Vermögen der Phantasie, des Herzens und des
Verstandes voraus. Es wirkte auch im raschen und dauernden Auf⸗
schwung des Klosterlebens. Während auf der Tenne des jungen
Klosters Gandersheim noch mühsam eine Bibliothek gesammelt
wurde, deren pergamentne Schätze kein Ungarnsturm verwehen
sollte, kam es im sächsischen Altkloster Korvey schon zu eignen ge⸗
schichtlichen Aufzeichnungen, setzte bereits sein Abt Bovo II.
die Zeitgenossen durch die Kenntnis des Griechischen in Er—
staunen. Und wie rasch folgten die jüngeren Klöster nach! In
Quedlinburg erblühte bald eine formvollendete Annalistik; in
Hildesheim wandte man sich vornehmlich den Künsten zu; in
Gandersheim wuchs und dichtete Hrotsuit, während Widukind in
den ruhmreichen Hallen Korveys seine Sachsengeschichte schrieb.
So hatte die Renaissance trotz aller Askese doch mit den
Klöstern Fühlung genommen; weithin im Weltklerus wie auch
unter den Mönchen wirkte die Rezeption klassischer Bildungs⸗
elemente, und der Hof wahrte nur eben seine leitende Stellung,
indem er Hauptvertreter der Bewegung, etwa einen Eckehard II.
von Sankt Gallen, gelegentlich in seine Kreise berief.
Die Renaissanceströmung verlief darum, anders als die
entsprechende Bewegung unter den Karlingen, in sehr ver—