Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

222 Sechstes Buch. Drittes Kapitel. 
schiedenartigen Zirkeln. Den Mittelpunkt bildete der Hof: hier 
—ED— 
nur plumper her; neben den Gelehrten spielten die Frauen 
eine Rolle, die durch weiblich fromme Askese besondere 
Färbung erhielt. Einen weiteren, ausgedehnteren Kreis bildete 
dann der hohe Adel, der zugleich die höheren Stellen der 
kirchlichen Verwaltung inne hatte, und dessen Söhne nicht selten 
unter den Mönchen der großen Klöster zu treffen waren. Auch 
er bewegte sich noch in den Lebensformen klassischer Bildung; 
eine Herzogin Hedwig von Schwaben vertrieb sich die Langweile 
der Witwenzeit durch die Lektüre Vergils; andere hörten neben 
den alten lateinischen Schwankdichtungen den Modus Liebinc 
oder die Mendosa cantilena; nicht wenige endlich fanden un— 
gemischte Freude an den Zweideutigkeiten des Terenz oder an 
den schlüpfrigen Schilderungen der ovidischen Metamorphosen. 
Unter diesem Kreise aber gab es noch einen tiefern Zirkel. Er 
umfaßte alle diejenigen, die mit der Verwaltung des Reiches 
oder der Kirche in irgend einer Weise in Berührung kamen, er 
begriff alle besser geborenen Freien. Sie alle waren nicht völlig 
von den Wirkungen der neuen Bildung abgeschieden — be— 
wegten sich doch unter ihnen teilweis die jüngeren Söhne des 
hohen Adels, die von der Pike auf höheren Stellungen nament⸗ 
lich in der Kirche zustrebten — sie alle verstanden etwas Latein 
oder wenigstens den Mischjargon, der sich zwischen Deutsch und 
Latein gebildet hatte. Sie alle gingen mithin der ausschließlichen 
und ungeteilten Einwirkung deutsch-nationaler Bildung verloren: 
— 
es begreiflich macht, daß wir so wenig wissen über den Ausgang 
unseres nationalen Heldensangs, über die Schicksale des Stab⸗— 
reims und die Wandlungen des altgermanischen Rhythmus. 
Die Karlingische Renaissance war wie eine Sturzsee über 
die einsamen Höhen der Gesellschaft gebraust. Die ottonische 
Renaissance, in sich viel weniger reich, gleicht der ebbenden Woge; 
sie trifft viel weitere Kreise, aber ungleich schwächer. Die Kar— 
lingische Renaissance war ursprünglich mehr laienhaft und kaiser— 
lich gewesen; die ottonische war bald nach Anbeginn, wenngleich
	        
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