Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 223 
unter Vorrang der höfischen Strömung, doch kaiserlich und kirch— 
lich zugleich. Die Karlingische Renaissance hatte ein volles Lebens⸗ 
deal der Antike aus sich geboren und zu verwirklichen gesucht; die 
ottonische hat es zu ähnlich heißer Sehnsucht nach dem Geiste 
der Alten nicht gebracht. Nur wenige Geister dürsteten so nach 
den Segnungen der Vorzeit, wie Hrotsuit; sie aber schildert ihre 
eigenen Erfahrungen gegenüber dem klassischen Altertum mit 
geschichtlicher Treue, wenn sie einem ihrer Helden die Worte in 
den Mund legt: „Ein dürftiger Tropfen, der zufällig nur aus 
der Schale der Weisheit herabfiel, hat vorübergehend mir die 
Lippen gefeuchtet.“ 
II. 
Vor allem auf dem Gebiete der bildenden Künste kann man 
die Erfahrung machen, daß selbst die rein rezipierten Kunstthätig— 
keiten in ganz andrer Weise, wie unter den Karlingen, von 
germanischem Geiste erfüllt sind. So die Technik der Schmelz- 
arbeiten, die, obwohl auf antiker Überlieferung und neuerer 
byzantinischer Lehre beruhend, trotzdem gerade in ihren schönsten 
Erzeugnissen vorwiegend germanisch-ornamentalen Charakter be⸗ 
wahrt, so fast noch mehr die Elfenbeinplastik, deren beide 
Schulen, die ältere rheinische wie die sächsische, trotz starker alt⸗ 
christlicher und auch byzantischer Einwirkungen sich in ihren inter— 
essantesten Schöpfungen zum germanischen Formenideal bekennen. 
Nirgends indes läßt sich, was germanisch und was rezipiert 
sein kann in der Kunst der ottonischen Renaissance, besser be— 
messen, als an den ungemein zahlreich erhaltenen Buchmalereien 
des 10. und teilweis noch 11. Jahrhunderts. Denn eben auf 
diesem Gebiete trat der einheitliche Einfluß des Hofes besonders 
weit zurück zu Gunsten lokaler, selbständiger Entwickelung, 
wenn auch die Karlingischen Nachwirkungen noch nicht völlig 
verblaßten. Nur wenige unserer großen Miniaturhandschriften 
des 10. und 11. Jahrhunderts sind wohl in königlichen Pfalzen 
angeregt oder gar entstanden; jedenfalls früh schon blühten 
Miniatorenschulen zu Sankt Gallen und in der Reichenau, in 
Echternach und in Trier, zu Hildesheim und zu Regensburg, und 
sie alle wurden seit Ausgang des 10. Jahrhunderts vermutlich 
übertroffen durch eine große Schule, die wohl zu Köln ihren Sitz
	        
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