Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Sechstes Buch. Drittes Kapitel 
hatte, und deren Einfluß sich weithin, bis auf Seitenschulen 
im niedersächsischen Bremen und fränkischen Limburg erstreckte. 
Was die Leistungen all dieser Schulen kennzeichnet, die an 
sich ungleich sind an künstlerischer Bedeutung und Umfang ihrer 
—D 
die wechselvolle Vermischung der überkommenen Elemente, dann 
aber auch die Durchdringung der Karlingischen sowie der früh— 
christlichen, seltener auch der byzantischen Tradition mit immer 
stärkeren Zusätzen germanischen Geistes. Hatte die Karlingische 
Kunst die Vorlagen der klassischen Überlieferung anfangs fast 
sklavisch nachgeahmt, später sich ihnen in freier Erfassung ihres 
Geistes möglichst zu nähern getrachtet, so nimmt die ottonische 
Kunst mit wenigen Ausnahmen (so namentlich der der Reichenauer 
Schule) ihren Standpunkt weniger hoch und naiver. Ohne 
weitere Reflexion will sie diese Kunst sich aneignen, soweit es 
ihr leicht fällt; sie will sie brauchbar machen für die Auffassung 
ihrer Zeit, um dann nach ihrem veränderten Bilde selbständig 
weiter zu schaffen. 
So verlieren die übernommenen Typen und Gestalten ihre 
cömische Würde, ihre klassische Majestät; sie werden aufgerüttelt 
aus der monumentalen Ruhe; sie beginnen mit der noch etwas 
ungeschlachten Leidenschaft des deutschen Gemütes zu empfinden, 
zu gestikulieren; ihre bisher mit feineren Kunstmitteln aus— 
gedrückte innere Teilnahme wird bewegter; sie erscheint in äußer⸗ 
lichere Bewegung und energische Gebärde umgesetzt. 
Gleichzeitig aber zeigt sich, ein sonderbares Widerspiel, der 
Umriß dieser Gestalten gebundener als je. Die weichen 
fließenden Linien des antiken Faltenwurfs verschwinden; die Ge— 
wandung wird ornamental behandelt; an Stelle schöngeschwun— 
gener Bausche treten kreisförmige, halb kalligraphisch gefaßte 
Wulste namentlich in der Bauchgegend; die Füße sind gleichsam 
in schnörkelhafte kalligraphische Ellipsen gekleidet. Über die Ge— 
wandung hin aber ergießt sich ohne irgend eine Rücksicht auf deren 
Bruch und Faltung ein buntes Spiel ornamentaler Punkte und 
Tupfen: absichtlich fast scheint man den einfachsten Ergebnissen 
erfahrungsmäßigen Sehens aus dem Wege zu gehn. Ornamental ist 
auch die Behandlung des Gesichtes mit seinen Brauen und Mund—
	        
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