Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 225
winkeln, ornamental sogar die Behandlung des Nackten: Rippen
und Brüste wie alle wichtigeren Muskelgruppen werden rein
systematisch angesetzt und mit typischen Tupfen von Weiß, Rosa
und Rot bezeichnet.
In der Verwendung der Farben siegt dabei ein Geschmack,
dessen Richtung sich schon in den deutschen Erzeugnissen der
Karlingischen Periode erkennen ließ. Die Farben haben zunächst
nur rein ornamentale Wertung. Erscheint dem Künstler die
Verwendung einer bestimmten Farbe an einer bestimmten Stelle
angemessen, so fliegen zinnoberrote Adler durch kirschrote Wolken,
weiden schwefelgelbe Esel auf blauem Vordergrund, heben sich
schwarzrote Bäume von grünem Himmel ab, ziehen kirschrote Stiere
goldene Pflüge, werfen die dargestellten Gegenstände rote und grüne,
gelbe und blaue Schatten. Werden nun solche Eigenheiten auch
oielfach vermieden, sobald man nach mittelbar oder unmittelbar
klassischen Vorbildern schafft, so läßt sich doch im Sinne der
Zeit nur von einer ornamentalen Farbenharmonie sprechen. Ihre
Palette war in Karlingischer Zeit frisch und heiter gewesen;
alle Arten festlichen Rots, namentlich ein fast grelles Gelbrot
hatten darin vorgewaltet; mit Gold hatte man aufgehöht und
manchmal auch modelliert; die Menschen waren mit stark ge—
bräuntem Antlitz erschienen, wie es ein ewig gesunder Aufenthalt
im Freien zu verleihen pflegt. Hier bahnte sich mit der Ent—⸗
wickelung der ottonischen Renaissance ein wundersamer Umschwung
an. Man modelliert erst ins Weiße, dann ins Graue; man höht
die Lichter mit Komplementärfarben, schließlich sogar Grün mit
Gelb, Rot mit Blau auf; man verstößt die alte heitere Palette
zu Gunsten einer traurigen, schmutzigen, darin alle frohen
Schimmer durch graubraune Übermalung verbannt erscheinen;
man untermalt endlich die Fleischteile grün und giebt ihnen da—
durch ein todesähnliches Aussehen. Sollte die mönchische Askese
diese Wandlungen im nationalen Farbengeschmack bewirkt haben?
Gewiß ist, daß für die Tracht der Laien noch lange die glück—
liche Farbenharmonie der Karlingen bestehen blieb!, und daß die
1 Man ersieht das aus den Portraitdarstellungen der Wende des
10. und 11. Jahrhunderts, vgl. z. B. noch Heinrich den Zänker in Cod.
Ed. II 11 der Bamberger Bibliothek.
Lamprecht, Deutsche Geschichte IJI