Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Fünftes Buch. Erstes Kapitel. 
kein Haus alten Glanzes, sie sind Emporkömmlinge, Virtuosen 
stummer und harter Arbeit, bis Karl der Große zu behaglicherem 
Dasein und vergeistigtem Genusse des Lebens überlenkt. 
Nur eine stetige, in ihren Mitteln rohe Energie, eine be— 
schränkte, rein auf Erwerb materieller Macht gerichtete Thätig— 
keit konnte die zerfallenen Verhältnisse des fränkischen Reiches 
im 7. Jahrhundert meistern. Wie rasch sinken anders handelnde 
Geschlechter im Merowingerreiche dahin: kaum eine Familie, 
die sich in hoher Stellung länger als drei Generationen ver— 
folgen ließe! Und das Königshaus selbst, glorreichen Anfangs 
unter Chlogio, Childerich und Chlodowech, wie ist es nach vier 
weiteren Generationen körperlich aufgerieben, sittlich und geistig 
mißbildet! Die hohe Kultur des romanischen Bodens forderte 
furchtbare Opfer 
Freilich schien mit Beginn des 7. Jahrhunderts die grau— 
sige Zeit Brunhildens und Fredegundens zu schließen. Chlo— 
tachar II. war der Selbstvernichtung des Königsgeschlechtes ent⸗ 
ronnen; seit 613 war er Alleinherrscher des Reiches. Und 
mehr: die ersten Jahre des jungen Königs verflossen in tüch— 
tiger Arbeit, von allen Leidenschaften schien ihn nur die männ—⸗ 
liche der Jagd zu fesseln. Aber bald zeigte sich wieder, daß 
Herrscherhaus und Reich morschten. Chlotachar erschöpfte sich 
in unnennbarer Ausschweifung; der ehemalige Dienstadel des 
Reiches, zur grundherrlichen Aristokratie entwickelt, sah in der 
Treue gegen Herrscher und Staat nur noch ein Gut, um das 
zu feilschen war; die peripherischen Glieder des Reiches, Aquitanien, 
Sachsen, Thüringen, Alemannien, Baiern gingen die Wege 
staatlicher Sonderbildung; und auch die Kronlande begannen 
sich gegenseitig zu entfremden. Schon Burgund und Neustrien 
traten in Gegensatz; noch mehr wirkte beiden Austrasien, ein 
Land ganz deutschen Charakters, entgegen. 
So war Chlotachar II. noch Alleinherr, nicht mehr Allein— 
herrscher. Persönlich regierte er nur noch in Neustrien; in 
Burgund befahl ein Hausmeier an seiner Statt, und die Austrasier 
zwangen ihn im Jahre 622, ihnen seinen jungen Sohn Dago— 
bert J. als Unterkönig zu setzen. Als Hausmeier und Berater
	        
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