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Sechstes Buch. Drittes Kapitel.
Reform zum Papsttum als Erbteil Clunys festzulegen bis zu
dem Grade, daß sogar schon eine fast völlige Lösung der refor—
mierten Klöster von der kirchlichen Hierarchie der Bischöfe er—
reicht ward. Gegen Schluß des 10. Jahrhunderts steht es fest,
daß alle Reformklöster von der bischöflichen Gewalt befreit sind:
kein Bischof darf in ihnen ohne Erlaubnis des Abtes von Cluny
kirchliche Weihen verrichten; für seine eigene Weihe wie für die
Priesterweihen seiner Mönche wählt der Abt einen ihm genehmen
Bischof nach freiem Ermessen. Eine asketische, schroff centrali⸗
sierte Mönchskirche ist innerhalb der allgemeinen französischen
Kirche entstanden; sie kennt nur ein näheres Verhältnis auf
kirchlich-religiössem Gebiete, das zu Rom.
Und schon diese Kirche begann, die Wirkungen ihres Geistes
über die Grenzen Frankreichs hinauszutragen. In Aragon,
Navarra und Kastilien faßte sie im Laufe des 11. Jahr—
hunderts Fuß; wichtiger war die Eroberung Englands. Hier
begann der Erzbischof Dunstan von Canterbury eine kirchliche
Reform teilweise im Anschluß an die cluniacensische Askese
und setzte sie unter vollster Zugrundelegung mönchischer An—
schauungen durch.
So schien der christliche Westen gewonnen; in Italien hatte
man hier und da in einzelnen Klöstern Boden gewonnen; mit
dem Papsttum war eine enge Fühlung erreicht; jetzt galt es
Deutschland zu erobern. Allein hier kam es trotz persönlicher
Beziehungen des Maiolus zur burgundischen Adelheid, der
zweiten Gemahlin Ottos des Großen, und trotz emsiger Pflege
persönlicher Zusammenhänge auch mit Otto II. und Otto III.
unter dem folgenden Abte doch zu keinen greifbaren Erfolgen.
Zwar wurden einige Abteien in Italien mit kaiserlicher Er—
laubnis oder Beihilfe reformiert; innerhalb der deutschen
Grenzen aber gelang es nur, St. Evre zu Toul zu gewinnen.
Kein Zweifel, daß sich die Sympathieen Ottos II. mehr
der deutschen, Ottos III. mehr der italienischen Askese zu—
wandten.
In Italien war das Leben der großen Masse im Verlaufe
des 9. und 10. Jahrhunderts im Grunde beinahe heidnisch