236 Sechstes Buch. Drittes Kapitel.
Einer der hervorragendsten dieser sonderbaren Einsiedler
war der h. Nilus, ein Calabrese aus Rossano. Der griechischen
Kirchengemeinschaft zugethan, war er mit dem dreißigsten Jahre
(940) in ein Basilianerkloster seiner Heimat getreten. Als der
Ruf seines asketischen Lebens ihm die Wahl zum Bischof von
Rossano verschaffte, war er nach Monte Cassino entwichen, zum
Sitz der lateinischen, abendländischen Askese. Hier brachte er
nun, in der Umgegend des Klosters, mit seinen Gefährten
fünfzehn Jahre eremitischen Lebens zu, bis er entrüstet über
den Weltsinn der Jünger Benedikts nach Gaeta übersiedelte.
Dort ist er, ein fünfundneunzigjiähriger Greis, im Jahre 1005
gestorben.
Ihn übertraf an Jahren und Bedeutung noch der hundert—
undzwanzigjährige heil. Romuald. Abstammend aus dem vor⸗
nehmen Geschlecht der ravennatischen Herzöge, anfangs Eremit,
dann Abt des cluniacensischen Klosters Classe in Ravenna, ver—
suchte er die Eremiten gleicher Lebensrichtung in kleinen
Kolonieen zu sammeln, Zwischenstufen gleichsam zwischen Kloster
und Einsiedelei, bis er um 1018 Camaldoli begründete, die
Pflanzstätte einer besonderen Regel seiner Observanz.
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darüber hinaus das klausnerische Leben für die italienische
Askese bezeichnend. Ja auch später noch hat das italienische
Volk die höchste Stufe christlicher Frömmigkeit nicht im Mönchs—
tum, sondern im Eremitenleben erblickt. Noch Petrus Damiani,
Romualds Schüler, dachte später so, obwohl einer der feurigsten
Förderer Clunys; nur im Dasein des Einsiedlers sieht er den
einem Christen nötigen Grad von sittlicher Freiheit und Fähig⸗
keit der Selbstbezwingung errungen und gewährleistet.
IV.
Überblicken wir in wenigen Zügen die geistige Lage
Europas gegen Schluß des 10. Jahrhunderts.
In Nordfrankreich und Norditalien die letzten Ausläufer
klassischer Rezeptionen, an sich nicht unbedeutend, doch zu⸗