Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 237 
sammenhangslos und im nationalen Instinkt bereits überholt 
durch die gewaltigen Wehen einer neuen, asketischen Frömmig— 
keit; diese Askese in Italien vereinzelt auftauchend, vereinzelt 
durchlebt, von furchtbaren persönlichen, geringen allgemeinen 
und dauernden Wirkungen; in Frankreich dagegen eine ver— 
wandte Askese organisiert in massenhaften Klöstern, centralisiert 
in der Hand des Abtes von Cluny. 
In Deutschland eine Askese, die, ausgehend vom Ere— 
mitenleben, schließlich zu genossenschaftlicher Organisation im 
Mönchsleben gedeiht, aber jeder monarchischen Spitze, jeder 
Centralisation ermangelt. Und ihr gegenüber der Aufschwung 
einer neuen, kaiserlichen Renaissance, die auch den Weltklerus, 
vornehmlich die Hierarchie ergreift und ihnen, teilweis sogar 
auf die Klöster übergehend, die volle Beherrschung der asketischen 
Strömung durch die Kirche gestattet. 
Es war eine Lage, welche, obwohl an sich nicht unmittelbar 
politisch, doch die vollste Aufmerksamkeit eines kaiserlichen Uni⸗ 
versalherrschers verdiente. Otto der Große hatte sie erst sich 
entwickeln sehen; Otto II. hatte in ihr gelebt, ohne sie ins 
Ganze zu betrachten. Beide hatten das nächste universale Ziel, 
die Beherrschung des Papsttums, durch rein materielle Mittel 
vornehmlich durch die Unterjochung Unteritaliens zu erreichen 
zesucht. Es war ihnen mißlungen. Sollte nunmehr ein dritter 
Herrscher, der dritte Otto, den gleichen Versuch wagen? War 
es nicht denkbar, daß die Ausnützung der bestehenden geistigen 
Strömungen in universalem Sinne dem Kaisertum eine viel 
sichrere, weil geistige Herrschaft über das Vapsttum verschaffen 
fkonnte? 
Es war eine der vornehmsten Fragen, die sich neben dem 
universalen Problem der Stellung des Reiches zu Ostrom und 
dem Islam an die jugendliche Brust Ottos III. drängte. Und 
die Geschichte der Art und Weise, wie er sie zu beantworten 
gesucht, bildet den Inhalt seiner eigenartigen Regierung'. 
1 Das Folgende ist im wesentlichen auch in der Deutschen Rund⸗ 
schau Band XVIII, JI, S. 94-99, abgedruckt.
	        
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