Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 239
Wuchs und hohen Geistesgaben, lange Zeit ein lebensfroher
Kleriker, war Adalbert, eine nervöse, im höchsten Grade ein⸗
drucksfähige Natur, durch den Anblick der Todesstunden des
Prager Bischofs Thietmar plötzlich der Weltflucht gewonnen
worden. Zum Bischof von Prag gewählt, unzufrieden mit sich
und seiner Herde, war er ruhelos von Prag nach Italien, von
Italien nach Prag gewallt, voll des abgeschiedenen Wander—
dranges! der neuen Asketen. In Italien hatte er schließlich in
dem römischen Kloster auf dem Aventin Aufenthalt genommen.
Hier ward er feurigster Adept der italienischen Bußfrömmigkeit;
fanatisch hatte der Slawe schon bei seinem ersten Aufenthalt
den Geist des heiligen Nilus und seines Bruders Leo, des Abts
vom Aventine, in sich gesogen. Da scheuchte ihn der Aufent⸗
halt des Kaisers empor aus seiner Entsagung; sein Metropolit,
der Erzbischof Willigis von Mainz, forderte ihn für die Diöcese
Prag zurück. Adalbert gehorchte und folgte dem Zuge des
Kaisers über die Alpen: und nun fanden sich die Seelen des
slawischen Mönches und des deutschen Kaisers. Aufs engste
sebten beide miteinander in gemeinsamem Gebet und vereinter
Buße; selbst die Nacht trennte sie nicht; sie teilten das Lager
eines Zimmers. Es war eine von jenen schwärmerischen Freund⸗
schaften, die, länger gepflegt, an den Stößen des Lebens zer—
schellen, durch äußere Umstände früh abgebrochen, zu gegenseitig
verklärendem Gedenken führen.
In Mainz ward Adalbert durch ein Traumgesicht von der
Seite seines Freundes getrieben; er erblickte sich zum Märtyrer—
tode für Christi Blut bestimmt. So zog er zu den Polen und
von ihnen zu den heidnischen Pommern und Preußen. An der
Südküste des Samlandes ereilte ihn sein Geschick; von sieben
Lanzenstichen durchbohrt, fiel er 97, ein Opfer seiner Weltflucht,
kein Held praktischer Mission, für die ihm jede Begabung fehlte.
Bevor noch Adalbert dies Ende fand, das im höchsten
Grade geeignet war, die idealen Erinnerungen des Kaisers an
den verewigten Freund zu vergotten, hatte Otto III. eine ganz
Vgl. oben S. 209.