Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 7
schlechtes langsam die Höhe zu erklimmen, die Grimwald im
Jahre 656 mit einem Schritt hatte erreichen wollen.
Nur verworren berichtet freilich die Überlieferung über die
Mittel, die anfangs hierfür zu Gebote standen; es ist die
Zeit fast völligen Versagens der zeitgenössischen Geschichts—
schreibung. Doch soviel ist klar, daß der mittlere Pippin, in
dessen Händen sich zum erstenmal völlig der reiche Besitz Arnulfs
und des älteren Pippin vereinte, in einer Zeit aristokratischer
Kämpfe schon in ihm außerordentlich wirksame Machtmittel
besaß. Nördlich und südlich der ardennischen Waldeinsamkeit,
der Vasta Ardinna, war er begütert; er gebot um Lüttich und
Namur so gut wie in den milden Gegenden von Verdun, Metz
und Trier und in den rauhen Höhen der Eifel; seine Bauern be—
fuhren die Römerstraßen der Maasebene wie des Mosel- und
Rheinthals. So griffen Bewirtschaftung und Schutz des Haus—
gutes in alle Verhältnisse Austrasiens ein, ja darüber hinaus
bis in die Gebiete Neustriens: mit allen Stämmen der Franken
mußte der Herr dieses Hausgutes vertraut sein, bei allen Gel—
tung zu erreichen suchen. Von dieser Bedeutung in den Kron—⸗
landen des Reiches getragen, schlug Pippin den Adel des
Westens bei Tertry. Und sofort benutzte er den Erfolg zur
Begründung neuen Einflusses auch in Neustrien, indem er sich
mit der reichsten und angesehensten Familie des unteren Seine—
thals verschwägerte.
Dabei dachte er nicht daran, obwohl nun Hausmeier des
Gesamtreiches, mit seiner bisherigen sozialen Stellung inner—⸗
halb des Adels zu brechen, oder gar die Formen des merowin—
gischen Königtums zu beseitigen. Freilich nur die Formen.
Die Könige, meist Knaben, verliehen auch fürderhin Privile—
gien, sie empfingen Gesandte zu feierlichem Gehör, sie saßen zu
Gericht in festlichem Schmucke, sie fuhren von Pfalz zu Pfalz
im Genusse fiskalischen Einkommens, aber sie regierten nicht.
Noch ausgesprochener gestaltete sich diese Stellung des König—
tums unter dem gewaltigen Nachfolger des mittleren Pippin,
unter Karl Martell (714 -741). Unter ihm ist das merowin⸗
gische Königtum nur noch ein feierliches Attribut der Karlin—