266 Sechstes Buch. Viertes Kapitel.
Kirche: selbst die kriegerische Aktion schien in geistliche Hände
übergegangen.
Herzog Gottfried aber entwich aus seiner Haft nach Italien
und vermählte sich hier mit Beatrix, der Witwe des tuscischen
Markgrafen Bonifatius: mit einem Schlage ward er zum
mächtigsten Herrn Mittelitaliens. Was war natürlicher, als
daß er den Besitz Oberlothringens nun zurückerstrebte? Und
sofort trat ihm Balduin von Flandern für dies Vorhaben zur
Seite. Vergebens zog der Kaiser gegen den störrigen Mark—
grafen, vergebens vertrieb er Gottfried aus seinem italischen
Besitz: Gottfried floh zu Balduin: eine neue Reihe von Kämpfen
im Nordwesten stand bevor. Es war in den letzten Tagen
Heinrichs III. Da erfolgte ein plötzlicher Umschwung. Herzog
Gottfried stellte sich dem Kaiser; Heinrich versöhnte sich sterbend
mit ihm, übergab ihm die tuscische Herrschaft und beschwor ihn
zur Treue gegen Heinrich IV., seinen Sohn und Nachfolger.
Übersieht man die soeben erzählten Einzelheiten von Em—
dörung und Aufruhr gegen Heinrich III., so läßt sich nicht
verkennen: die großen Zeiten König Konrads waren dahin.
Die Politik Heinrichs hatte die schlummernden Gegensätze
zwischen Laienfürsten und kirchlichen Großen entfesselt, und
innerhalb dieser Gegensätze zogen die Laienfürsten die Fol—
gerungen der Thatsache, daß sie den König auf der gegnerischen
Seite sahen. Diese Lage, dazu der Verlust engerer Beziehungen
des Königtums zu den tieferen Schichten des Volkes deuteten
auf schwere Stürme der Zukunft.
Hierzu kam, daß schon unter Heinrich III. das Verhältnis
zu Sachsen und damit zu den Dingen im Norden und Nord⸗
osten in einer Weise gestört ward, die bei fernerer Sorglosig—
keit der Könige zur Loslösung Sachsens vom Reiche, bei späterer
Fürsorge aber leicht zu erbitterten Kämpfen mit diesem Stamme,
einst dem Träger der Reichsgewalt, führen mußte.
IV.
Der Verfall der Ottonischen Slawenpolitik seit Ende des
10. Jahrhunderts war schon unter Heinrich II. nicht wett ge—