Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 9
des fränkischen Binnenlandes; hierher endlich wiesen die Be—
kehrungsfahrten des fränkischen Reichsklerus!, denen fränkische
Waffen nicht minder zu folgen pflegten, wie der christlichen
Mission des 19. Jahrhunderts europäische Herrschaft und Ge—
sittung.
Schon die Merowinge hatten darum wiederholt die Er—
oberung des Landes in Angriff genommen; nun griff Pippin
den Plan wieder auf, und bei seinem Tode (714) schien der
Stamm dem fränkischen Reiche wie dem christlichen Glauben ge—
wonnen. Aber bald machten sich in der Geschichte der friesischen
Eroberung dieselben Erscheinungen bemerklich, die später bei
der Unterwerfung der Sachsen durch Karl den Großen verstärkt
wiederkehrten: christlicher Glaubenseifer täuschte sich nur zu
leicht über die ungebrochene Kraft germanischen Heidentums;
mit Katastrophen, die vom heidnischen Fanatismus ausgingen,
verknüpften sich neue politische und militärische Kämpfe.
In Wahrheit hat erst Karl Martell nach furchtbarem
Ringen Friesland unterjocht; erst im Jahre 734 ward das
heidnische Fürstentum des friesischen Nordens vernichtet.
Bis zum Tode Karl Martells aber bildet die Eroberung
Frieslands den sichersten Ruhmestitel, den sich die Karlinge
beim Neubau des Reiches erwarben. Zwar wird wohl, sieht
man von den Sachsen ab, manches auch über die Unterwerfung
der Thüringer, Alamannen und Baiern berichtet, allein es han⸗
delt sich dabei mehr um das äußerliche Ereignis augenblicklicher
Siege, als um eine wirkliche Einbeziehung in die Grenzen des
fränkischen Reiches. Nichts weiteres begründeten wohl die
mannigfachen Feldzüge Pippins und Karl Martells in den
deutschen Osten, als das dumpfe Gefuhl, daß den deutschen
Stämmen insgesamt das Schicksal der Friesen dereinst unab—
wendbar drohe; in dieser psychologischen Wirkung mögen sie
freilich als nicht unbedeutende Vorbereitungen zu der glänzen⸗
den rechtsrheinischen Politik König Pippins und Kaisen Karls
betrachtet werden.
Zugleich aber weckten sie von neuem die Vorstellung von
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