Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

286 Sechstes Buch. Viertes Kapitel. 
darin, daß der politische Schwerpunkt der Verfassung in den 
Süden des Reiches verlegt wird. Indem an die Stelle des 
sächsischen Königshauses süddeutsche Herrscher traten, indem seit 
diesem Augenblick der Niederrhein und Sachsen die Wege einer 
besonderen Entwickelung einzuschlagen begannen, bildete sich 
ganz allmählich auch jener Riß, der seit dem Ausgang der 
Staufer das Vaterland in zwei thatsächlich beinah getrennte 
Hälften, ein süddeutsches Kaiserreich und einen norddeutschen 
Bereich autonomer Weiterbildung zerlegt hat, der durch die 
Bestrebungen der föderativen Reichsreform seit Schluß des 
15. Jahrhunderts und die Einwirkungen der Reformation wie 
späterer geistiger Bewegungen nur notdürftig überbrückt wurde, 
und der noch heute innerhalb eines neuen Reichsverbandes sicht⸗ 
bar nachwirkt. 
Zugleich aber ward mit dieser Verlegung des Schwer— 
punktes nach Süden auch die äußere Politik eine andere. Die 
nordischen und nordöstlichen Interessen traten zurück; Hein— 
rich III. hat sich kaum noch um sie gekümmert. Hervor trat 
demgegenüber das Bestreben, sich von dem süddeutschen Hoch— 
land aus östlich und westlich über die Grenzen des Reiches 
auszudehnen; nach Osten zu wurde Ungarn an das Reich ge— 
fesselt, nach Westen zu Burgund. 
Dauerhaft war von diesen Erwerbungen nur diejenige 
Burgunds. Zwar blieb auch hier der deutsche Einfluß gering. 
Nur die deutschen Landesteile des Reiches erfuhren ihn stärker; 
in der Provence hat man in vorstaufischer Zeit von den 
Deutschen kaum gehört; im Jahre 1081 hat Bertrand von der 
Provence sein Land sogar ungestört dem Papst Gregor VII. 
übertragen können. Und auch später, mit Ausnahme etwa der 
staufischen Zeit, blieb der Zusammenhang der einzelnen Länder 
Burgunds mit dem Reiche locker; gegen Schluß des Mittel— 
alters wurden nur noch das Herzogtum Savoyen, die Bistümer 
Basel und Besangon und die Grafschaft Burgund zu seinem 
Verbande gerechnet. 
Aber gleichwohl hat sich das Land unter kaiserlichem 
Szepter wohl gefühlt; nur ungern sind seine einzelnen Teile
	        
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