Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 287 
in das französische Reich aufgegangen, und noch heute sollen 
die Rhoneschiffer die beiden Uferlandschaften ihres Stromes 
als Royaume und Empire unterscheiden. 
Nützlich war der Verband Burgunds mit dem Reiche auch 
uns. Der noch so lose Besitz verbürgte das Deutschtum der 
westlichen Schweiz und schnitt, was noch wichtiger war, die 
Ausdehnungsgelüste der Franzosen von den Landwegen nach 
Italien ab. So ward Burgund recht eigentlich zum Riegel 
jenes europäischen Reiches der Mitte, dessen Kernland von 
unserem Volke bewohnt ward. 
Denn längst war der Gedanke eines Universalreiches, wie 
ihn die Ottonen gefaßt hatten, verflogen. Nicht ohne Grund hat 
Heinrich II. die Legende des Reichssiegels, die unter Otto III. 
„Renovatio imperii Romani“ gelautet hatte, in die bescheidenere 
Fassung „Erneuerung des Frankenreiches“ verändern lassen. Den 
Kaisern der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts, so sehr sie an 
der überragenden Bedeutung des kaiserlichen Namens fest— 
hielten, lag doch der Ehrgeiz einer thatsächlichen europäischen 
Universalherrschaft fern. Nichts zeigt das deutlicher, als der 
übereinstimmende Zug ihrer italienischen Politik. Wie weit 
waren sie davon entfernt, den alten, von den Ottonen unter— 
nommenen Kampf universalen Charakters mit Griechen und 
Sarazenen auszufechten, obwohl sie es vielleicht ebensogut wie 
ijhre Vorgänger vermocht hätten! Ihr Ziel war allein der 
sichere Besitz Ober- und Mittelitaliens, der Zugangslandschaften 
zur ewigen Stadt und zum Stuhle des heiligen Petrus. 
Indem so an Stelle der alten universalen Pläne die be— 
stimmte Kombination Deutschlands, Burgunds und Ober- und 
Mittelitaliens zu einer Herrschaft trat, ward eine Reichsbildung 
geschaffen, die Jahrhunderte hindurch als Römisches Reich 
deutscher Nation allen Wechsel der Zeiten überstanden hat und 
die thatsächlich in sich die Gewähr eines festen Reiches der 
europäischen Mitte trug. Zu lose gefügt, um Eroberungspolitik 
zu treiben, zu übermächtig, um grundlosen Angriffen offen zu 
stehen, ist sie bis zu ihrem Verfall und ihrer Wesensveränderung 
durch die spanisch-habsburgische Monarchie im 16. Jahrhundert 
ein Segen der europäischen Entwickelung gewesen.
	        
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