Kirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 303
die Kirche war zum einzigen Herd allseitiger Ideenbildung auch
für die Laien geworden. Seitdem sich unser Volk in eine
Nation von Ackerbauern verwandelt hatte, war die Kirche ihm
als größte Grundbesitzerin nahe getreten in den Sorgen des
leiblichen Daseins; seinen genossenschaftlichen Trieben hatte sie
Raum geschaffen in einer Pfarrverfassung, die sich der Laien—
gemeinde weitherzig öffnete, und seine Standesbildung begann
sie für die unteren Klassen mit dem sozial lösenden, befreienden
Hauch ihres Geistes zu durchwirken. Daneben schob sie ihre
Gerichtsbarkeit immer tiefer in die bewegenden Fragen des welt—
lichen Daseins; Ehebruch und andere geschlechtliche Vergehen,
Raub und Diebstahl, Betrug und Wucher, Meineid und falsches
Zeugnis, welches Verbrechen nur immer in besonderem Sinn
als „Sünde“ gedeutet werden konnte, das unterzwang sie ihrem
Spruche. Eben in dieser Richtung waren seit Mitte des
9. Jahrhunderts gewaltige Fortschritte gemacht worden: die
pseudoisidorischen Fälschungen begannen zu wirken, und im
Sendgericht, dem seit Heinrich II. der Archidiakon zu präsi—
dieren begann, ward die Kirchendisziplin in stets geschlossenerer
Organisation verwirklicht. Und wie wußte die immer asketischer
gesinnte Geistlichkeit diese Mittel zu nützen! Der heilige Ulrich
von Augsburg durchreiste andauernd seinen Sprengel auf rinder—
gezogenem Wagen; oft sprach er Recht bis ins Dunkel der
Nacht, und noch bei dem Scheine spärlichen Fackellichts durch⸗
spürte er die kanonischen Satzungen.
Wie mußte da die Kirche mit der neuen Weltanschauung
asketischer Frömmigkeit auf die Laien wirken! Mit ihrer Lehre,
ihren mystischen Weihegnaden trat sie jetzt noch ganz anders in
den Mittelpunkt alles höheren Strebens; jeder Idealismus er—
goß sich auf kirchliches Gefild. So ward die Kirche der, Wunsch“
dieser Zeitlichkeit selbst; als erhabene Jungfrau mit siegendem
Antlitz und strahlender Krone stellte die Kunst sie dar, und
Pier Damiani, der große Fromme der gregorianischen Zeit,
spricht es einmal aus: nach dem heiligen Kreuze Christi, nach
der heiligen Jungfrau und nach den heiligen Engeln giebt es
auf Erden und im Himmel nichts Erhabeneres als die Kirche.