Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Kirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 805 
gleichzeiig abspielte. Im Jahre 1045 war der Kölner 
Kanonikus Widger vom König mit dem Erzbistum Ravenna 
belehnt worden, hatte sich aber noch nicht weihen lassen, gefiel 
überhaupt den Reformfreunden nicht. Er wurde deshalb ge⸗ 
legentlich der Achener Pfingstsynode vom Jahre 1046 vor den 
König geladen. Hier aber bestritt Bischof Wazo von Lüttich, 
einer der energischsten Anhänger der in Lothringen heimischen 
streng kanonischen Richtung, dem König das Recht, einen 
Bischof zu laden und zu verhören: das gebühre allein dem 
Papste. Heinrich gab nun in diesem Falle allerdings nicht 
unmittelbar nach; aber er setzte sein Recht auch nicht in vollen 
Augenschein, sondern veranlaßte vermutlich, daß Widger frei— 
willig zurücktrat. Schlimmer war es, daß diesmal alle deutschen 
Bischöfe, die gegenwärtig waren, sich auf die Seite Wazos 
stellten. Und so viel ergab sich immerhin aus dem einen wie 
dem andern Falle, daß König Heinrich nicht der Mann war, 
dem Andrängen der Reform entgegenzutreten. Und hätte er 
es wirklich versucht: würde es ihm gelungen sein? Er würde 
gekämpft haben gegen in sich legitime Forderungen, die von 
der ganzen Wucht einer erregten öffentlichen Meinung anfingen 
getragen zu werden; er würde aufgestanden sein gegen eine 
religiösse Bewegung, in deren Formen die höhere Kultur des 
französischen Westens zum erstenmal analoge, nur in späterer 
und langsamerer Bildung begriffene Strömungen des deutschen 
Geisteslebens zu überfluten drohte. Die Mittel, welche die 
deutsche Monarchie hiergegen zur Verfügung stellen konnte, 
waren äußerlicher, rein politischer Art, incommensurabel der 
Ideenmacht der Reform: die Zeit Heinrichs IV. hat gezeigt, 
daß ihnen der Sieg niemals beschieden war. 
IV. 
Während in Deutschland die Macht der Reformideen den 
höchsten weltlichen Vertreter der Christenheit voll ergriffen hatte, 
schien in Rom ihr Sieg noch in weiter Ferne. Auf dem Stuhle 
Petri saß in den ersten Jahren Heinrichs III. ein Mensch, der 
Lamprecht, Deutsche Geschichte II. 90
	        
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