12 Fünftes Buch. Erstes Kapitel
Tours und Poitiers (Oktober 732); der feindliche Feldherr fiel;
erst im festen Narbonne sammelten sich die versprengten arabi—
schen Reste.
Es war ein Sieg, den die Kirche sofort als weltgeschicht⸗
liches Ereignis begriff; nicht mit Unrecht bezeichnet Isidor Karls
Scharen als Europenses. Karl selbst aber erkannte nicht die Be—
deutung des Sieges; er sah seine Aufgaben nur im Franken⸗
reich; für ihn machte der Sarazenenkrieg mit den Kämpfen,
die sich ihm anschlossen, nur Episode. Eben das charakterisiert
ihn; energisch und durchgreifend im Innern, ein nicht unwür—
diger Vorläufer König Pippins und Karls des Großen, besaß
er gleichwohl nicht die klare Übersicht, das weite Wollen seines
Sohnes und Enkels. Es ist, als ob er deren künftige Größe
geahnt, als ob er gern sich beschieden hätte, nur die Grund—
lagen des neuen Universalreiches im engern zu legen.
Und der Ruhm des Gottesstreiters im Kampf mit den
Arabern, ist er Karl nicht dennoch frühzeitig genug erblüht?
Das geschichtliche Gedenken der folgenden Geschlechter hing
nicht mehr an Eudo und an den Aquitaniern, es kannte nur
Karl noch und seine Franken. Denn das ist das glückselige
Geschick weltgeschichtlicher Kämpfer, daß ein späteres Zeitalter
ihrem Ruhme, ja ihrem persönlichen Streben zuteilt, was es
selbst als tiefste Bedeutung ihrer Thaten empfindet.
II.
Karl Martell teilte vor seinem Tode mit Zustimmung der
Großen seine Reiche, entsprechend fränkischem Erbrecht, unter
seine zwei ehelichen Söhne Karlmann und Pippin; der ältere
Karlmann erhielt Austrasien, nunmehr das anerkannte Kernland
des Reiches, dazu das deutsche Zubehör, Pippin Neustrien,
Burgund und die Provence. Grifo, Sprößling einer Nebenehe,
blieb anfangs anscheinend unberücksichtigt; er hat späterhin trotz
aller Milde der Brüder den Frieden des Herrscherhauses immer
wieder gestört: ruhelos erregte er Aufstände in Neustrien, Sachsen,
Baiern, floh nach Aquitanien, und endete schließlich im Jahre