312 Siebentes Buch. Erstes Kapitel.
von Tuscien, ausgesöhnt, und um dessen Macht in Italien die
Wagschale zu halten, hatte er den königlichen Knaben schon im
Jahre 1055 mit Bertha, der zukünftigen Erbin von Savoyen
und Turin, verlobt. Die Beratung des gesamten Reiches end—
lich, zu der zunächst die Kaiserin Agnes, eine schwache Natur
und nicht entfernt zu vergleichen mit den Regentinnen unter
Otto III., berufen war, hatte Heinrich, weil er seine Gemahlin
kannte, dem deutschen Papste Viktor II. anvertraut.
Viktor rechtfertigte zunächst das in ihn gesetzte Vertrauen.
Er scheute sich nicht, die unter den obwaltenden Verhältnissen
notwendige Nachgiebigkeit gegen die Feinde des Reiches zu
zeigen, gleichsam die Herrscherschulden Heinrichs III. zu liqui⸗
dieren. Er beruhigte die Normannen in Unteritalien; er ver⸗
söhnte Gottfried von Tuscien einstweilen durch erneute Aussicht
auf Lothringen und Gewährenlassen seiner Herrschaft in Tuscien.
Diesen negativen Maßregeln sollten positive zu Gunsten des
Reiches folgen — da starb der Papst, am 28. Juli 1057.
Es war ein schwerer Verlust für das Reich. In Italien
hob Gottfried sofort wieder kühner das Haupt; in Deutschland
fiel die Kaiserin nun völlig dem Einfluß der Großen, vor—
nehmlich der Bischöfe, anheim. Natürlich wußte sie da die
thatsächliche Macht nicht zu wahren, die Heinrich III. in könig⸗
lichen Händen vereint hatte. Da sie den Abfall von Burgund
fürchten mochte, so übergab sie die Verwaltung des Königreichs
zugleich mit dem Herzogtum Schwaben an ihren Günstling,
den Deutsch-Burgunder Rudolf von Rheinfelden, und glaubte
ihn auf ewig zu fesseln, wenn sie ihn mit ihrer ältesten Tochter
Mathilde verlobte. Entscheidend verschlimmerte sich aber ihre
Lage, als sie sich, wohl Anfang des Jahres 1061, mit den
Führern der geistlichen Großen, dem Erzbischof Anno von Köln
und dem Bischof Gunther von Bamberg, verfeindete: nun blieb
ihr zur Stützung ihres Einflusses auf die Laiengroßen nichts
übrig, als auch das Herzogtum Baiern zu vergeben. Es kam
an einen sächsischen Grafen, Otto von Nordheim.
Natürlich war bei solcher Nachgiebigkeit im Innern von
einer energischen äußeren Politik nicht die Rede. Nicht einmal