Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 18 
753 auf der Flucht zu den Langobarden, den letzten Feinden 
seines Geschlechts, zu denen der Weg ihm noch offen stand. 
Die Brüder regierten zusammen in beinahe vollständiger 
Gemeinschaft der That und der Gesinnung bis zum Jahre 747, 
dann zog sich Karlmann, ein leidenschaftlicher, dem Extremen 
unterworfener Charakter, vom Herrschersitz in ein einsames 
Kloster auf dem Soracte zurück, das er selbst sich erbaut hatte. 
Seitdem herrschte Pippin allein über das Gesamtreich, staats— 
männisch hoch begabt, fest in der Behauptung des Errungenen, 
klar über die nächsten Ziele der fränkischen Hegemonie, dabei 
im Gegensatz zu den bisherigen Angehörigen seines Geschlechtes 
nicht ohne geistige Interessen, voll Verständnisses namentlich 
für Naturwissenschaften und Musik, im persönlichen Umgange 
freundlich, zu mild fast gegenüber den Fehltritten der Männer, 
die ihm nahe standen: im ganzen ein würdiger Vorläufer Karls 
des Großen, ja ohne Zweifel ein gewaltiger und glänzender 
Herrscher, sobald man absieht vom Vergleiche mit der über— 
ragenden Größe des Sohnes. 
Pippin und Karlmann begründeten die Kontinuität der 
Karlingischen Politik. Sie setzen ein, wo Karl Martell hatte 
abbrechen müssen, und am Schlusse der Regierung Pippins ist 
die äußere Entwickelung des Reiches soweit gefördert, daß Karl 
dem Großen nur die Durchführung eines großenteils seststehenden 
Programmes übrig bleibt: eine Aufaabe, die er meisierhaft 
gelöst hat. 
Karl Martell hatte zunächst den deutschen Osten zu gewinnen 
gesucht; gelungen war ihm die völlige Unterwerfung Frieslands. 
Hieran vor allem knüpft die Zeit Karlmanns und Pippins an. 
Sachsen wird wenigstens teilweise wieder abhängig gemacht; seit 
dem Jahre 758 zahlen die Westfalen ein jährliches Ehren⸗ 
geschenk bis zur Höhe von 300 Pferden. Energischer gehen die 
Hausmeier gegen die Alamannen vor. Nach wiederholten Auf—⸗ 
ständen namentlich im Elsaß und in der Schweiz wird der 
Stamm im Jahre 746 völlig überwältigt, ein grausames Straf— 
gericht entlädt sich über den Häuptern des Adels, umfangreiche 
Gütereinziehungen scheinen stattgefunden zu haben, die Herzogs—
	        
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