Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

336 Siebentes Buch. Zweites Lapitel. 
geführt werden denn als Glaubenskampf; es war ein Vorspiel 
gleichsam der späteren Kreuzzüge; die Päpste erprobten hier 
zum erstenmal die furchtbare Gewalt, die bei der Stimmung 
der abendländischen Gläubigen mit der geistigen Leitung solcher 
Kriege in ihre Hand gelegt war. Derselbe Robert Guiscard, 
der mit eigner Faust Apulien und Calabrien erobert hatte, 
nannte sich doch von Papstes Gnaden Herzog dieser Lande und 
Siziliens!, und sein Bruder Roger nahm im Verein mit ihm 
im Jahre 1072 Palermo ein und machte sich zum Herrn der 
ganzen Insel. Auf diese Art ward der Traum Karls des 
Großen und der mächtigen Ottonen, die Christianisierung ganz 
Italiens, erfüllt: unter dem Segen und zu Gunsten des Papstes. 
Nicht minder breitete sich die Macht der Kurie in Mittel— 
und Oberitalien aus. Hielt sie es im Süden mit den aristo— 
kratischen Normannen: am Fuße der Alpen bediente sie sich 
gleich geschickt der demokratischen Bewegung der Pataria, und 
in Tuscien, dem Hauptlande Mittelitaliens, gewann sie die 
Macht des Fürstentums für sich. Hier war Ende 1069 Herzog 
Gottfried, der hart geprüfte und vielgewandte Lothringer, ein 
geschworener Feind König Heinrichs, doch immerhin ein Deutscher, 
gestorben. Er hinterließ außer seiner Witwe Beatrix und einet 
Tochter dieser aus früherer Ehe, Mathilde, noch einen Sohn, 
der nach dem Vater Gottfried genannt war. Von ihnen folgte 
Gottfried zunächst nur in den deutschen Besitzungen, doch ver— 
mählte er sich bald mit seiner Stiefschwester Mathilde und 
vereinigte damit wieder alle Machtbefugnisse des Vaters. Indes, 
von den deutschen Geschäften in Anspruch genommen, weilte 
er zumeist jenseits der Alpen; die italienische Politik überließ 
er den tuscischen Frauen. Und bei ihnen fand nun das Papst⸗ 
tum nicht bloß politischen Schutz, sondern mehr, die warme 
Hilfe religiöser Begeisterung, und zu den allgemeineren Motiven 
des tuscischen Anschlusses an Rom gesellten sich bald persön— 
liche: Hildebrand und Mathilde, der spätere Papst Gregor VII. 
und die spätere Großgräfin, waren früh durch die Bande enger 
Freundschaft verbunden. 
Sooben S. 300.
	        
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