Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

344 Siebentes Buch. Zweites Rapitel. 
Für den König standen bald nur noch die werdenden 
Schichten des Volkes ein, die Dienstmannschaft und vor allem 
das zukunftsreiche Bürgertum der Städte; aber ihre Kraft war 
noch weit davon entfernt, als einzige Stütze des Königtums 
zu genügen. Heinrich war verloren. Vergebens sagte er einen 
Reichstag zur endgültigen Absetzung Gregors nach Worms an 
auf Pfingsten 1076, vergebens einen Tag auf den 29. Juni 
nach Mainz; nur wenige von den Bischöfen erschienen, die 
Herzöge fehlten ganz. Inzwischen erhob sich von neuem der 
sächsische Aufstand. Heinrich versuchte ihn mit Hilfe des treuen 
Böhmenherzogs zu dämpfen; vergebens. 
In diesem Augenblicke glaubte Gregor seine Zeit gekommen. 
Für eine Charakteristik des gebannten Königs verwandte er in 
seinen Schreiben jetzt die schwärzesten Farben. Persönlich ver⸗ 
worfen, erschien er ihm als der erklärte Feind der heiligen 
Kirche. In Worten höchster papaler Anmaßung legte er das 
hierarchische Programm dar, und von den deutschen Fürsten 
verlangte er, daß sie vor der Neuwahl eines Königs erst das 
päpstliche Gutachten hören sollten: den Traum universaler 
Weltherrschaft Roms nicht bloß über die Geister, nein, über 
die Staaten und die Dinge dieser Welt unternahm er so zu 
verwirklichen. 
Die Fürsten stellten sich scheinbar auf die Seite des Papstes, 
um ihn schlau zur Absetzung des verhaßten Königs zu benutzen. 
Die oberdeutschen Bischöfe und Herzöge schrieben einen Tag 
nach Tribur aus, dem Ort unglücklicher Erinnerungen für 
Heinrich, auf den 16. Oktober 1076: da wollte man über das 
Schicksal des Königs zu Rate sitzen. Allein auch Heinrich er— 
schien; er lagerte auf der andern Seite des Rheins zu Oppen⸗ 
heim, nicht weit von seiner getreuen Stadt Worms, deren 
Bürger ihren Papstbischof verjagt, ihren König jauchzend em— 
pfangen hatten. So spitzten sich die Beratungen aufs äußerste 
zu; fast schien nur die Berufung auf die Waffen noch möglich. 
Da gelang im Augenblick ärgster Spannung doch noch eine 
Vermittlung, deren Träger schließlich die päpstlichen Legaten 
selbst noch gewesen zu sein scheinen. Jedenfalls war es durch—
	        
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