Heinrich IV.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 3538
Maßregeln und insofern wenigstens ein großer Staatsmann:
der klare Gedanke päpstlicher Universalherrschaft als einer
politischen Möglichkeit ist sein Werk: das Werk eines der Welt
zugewandten Asketen. Allein den Gedanken zu verwirklichen,
war ihm nicht vergönnt. Dazu bedurfte es elastischerer, in der
Form nachgiebigerer Naturen: bald sollten sie dem römischen
Stuhle in einem Urban II., einem Calixt II. erwachsen.
Als Hejnrich IV. im Juni 1084, unmittelbar nach seiner
Kaiserkrönung, voll hoher Siegeshoffnung nach Deutschland
heimkehrte, fand er die Nation nach außen hin nahezu schutzlos,
im Innern in furchtbarer Verwirrung. Der Kampf zwischen
Kaiser und Papst war zum Kampfe zwischen Reich und Kirche
geworden; fast überall standen den kaiserlichen Bischöfen päpst—
liche gegenüber; in jedem Sprengel wiederholte sich das römische
Schisma. Damit waren die bisherigen Grundlagen der mon—
archischen Regierung in Frage gestellt; dem durch kaiserliche
Bischöfe vermittelten Einfluß der Centralgewalt trat überall
der Widerspruch papaler Seelenhirten entgegen. Und längst
schon hatte Gregor VII., wie in Italien, so auch in Deutsch—
land das Laientum gegen das Reich und den reichstreuen
Klerus mobil gemacht; Reformfreunde und Radikale, übereifrig
Kirchliche wie Kirchenfeinde wandten sich in gleicher Weise gegen
bisher als unantastbar und heilig betrachtete Einrichtungen.
Die Folge war der Verfall der öffentlichen Sittlichkeit und
des Glaubens überhaupt. Eine furchtbare Verwirrung der Ge—
wissen trat ein um so mehr, je gebundener der mittelalterliche
Geist an sich war; wüste Selbstsucht und rücksichtsloses Streben
nach äußeren Vorteilen drangen empor; die Moral des Erfolges
beherrschte die Welt. In den führenden Schichten der Nation
verlor sich damit das mühsam erst anerzogene und in lang—
samem Werden begriffene Gefühl der politischen Verantwort⸗
lichkeit flr das Ganze; Graf stand auf gegen Graf, Herzog
gegen Herzog; niemand dachte an die Krone, niemand sehnte
Lamprecht, Deutsche Geschichte JII. 23