374 Siebentes Buch. Drities Kapitel.
an Stelle der massiven Bußübungen eines früheren Zeitalters
erwachte in ihm bisweilen eine Gefühls- und Herzenstheologie,
der nur die Gemütlosigkeit abälardscher Spekulation ein Greuel
war. Unter Bäumen und Büschen, in der Freiheit der Wiese
und des Feldes ließ Bernhard den Inhalt der heiligen Schriften,
frei und eindringlich sich ihm hingebend, auf sich wirken. So
glaubte er, zur Kontemplation Gottes in seinem geoffenbarten
Worte fortschreitend, die Wahrheit zu erlangen: nicht umsonst
hat ihn Filippino Lippi in der Badia zu Florenz gemalt, wie
ihm während des Schreibens im Freien die heilige Jungfrau
in Begleitung von Engeln entgegentritt, und aus tiefstem Herzen
rät er dem Engländer Heinrich von Murdach: „Glaube meiner
Erfahrung, im Walde wirst du Höheres finden, denn in den
Büchern. Bäume und Felsen werden dich lehren, was du bei
Meistern der Schule nicht zu hören vermagst““. Indem er
aber die Wunder der Schöpfung als Symbol der himmlischen
Geheimnisse nahm, meinte er Gott zu erkennen, den sinnlichen
Menschen in sich zu ertöten, sich selbst zu vergotten: opus habet
humana anima velut quodam véhiculo creaturae, ut ad
cognitionem Oreéatoris assurgat?: eine höhere Stufe christlicher
Frömmigkeit war herbeigeführt.
Und schon reiften die Nationen des Abendlands der neuen
Auffassung zu. Es mehrte sich die Zahl der Mönche in Citeaux.
Freier, als bei den Cluniacensern, standen hier die Töchter⸗
klöster dem Mutterkloster gegenüber; und das Institut der
Laienbrüder wurde zu hoher Blüte entwickelt. Doch sorgte das
Grundgesetz des Ordens, die Charta Caritatis von 1118, da—
für, daß regelmäßige Visitationen die guten Überlieferungen
aufrecht erhielten. Aus frommen Schenkungen wurden bald
viele Klöster der neuen Richtung begründet, darunter Clairvaux,
seit dem Jahre 1115 die Abtei Bernhards. Bei ihrer Be—
gründung inmitten der Wildnis nie gelichteten Waldgestrüpps
stählte Bernhard noch einmal im kleineren seine und seiner
Ep. 106: Vacandard J, 57 Anm. J.
2 Predigt über Römer 1, 20, Bern. Op. Bd. 2 C. 365, vgl. Hof⸗
meister, Bernhard von Clairvaux pl, Berliner Programm 1889 S.18.