Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 375
Gefährten Kraft; dann widmete er sich, ein gewaltiger Prophet,
der umfassendsten Propaganda für sein Ideal christlichen Lebens.
Von etwa 1127 ab hat er durch alle Nationen hin gewirkt und
gepredigt!; bei seinem Tode (20. August 1153) hinterließ er
mehr als viertehalbhundert Klöster seines neuen Ordens in
allen Ländern der abendländischen Christenheit. Aber dem an—
fänglichen reißenden Fortschritt folgte bald Stillstand: der
Orden verlor seine Wirkungskraft, weil er, in nunmehr ver—⸗
altenden mönchischen Gedanken lebend, Predigt und Seelsorge
verwarf. An die Stelle der geistlichen traten immer mehr die
wirtschaftlichen Interessen: zweifellos zum Heile der Länder,
in denen der Orden wirkte, aber doch in offenem Widerspruch
mit den Absichten seiner Gründer?.
Dagegen vollendete sich im Verlaufe des zweiten Viertels
des 12. Jahrhunderts, zwar mehr im Anschlusse an die Tra—
dition, insbesondere Augustins, vielfach aber grade doch an der
Person Bernhards selbst, der Typus der neuen Frömmigkeit.
Der alte Wunderglaube des 10. und 11. Jahrhunderts, an
Reliquien klebend, unlebendig, wunderlich, massiv, lebte zwar
weiter. Aber mächtig erhob sich über ihm der Glaube an die
persönliche Wirkungskraft (virtus) zeitgenössischer Männer
Gottes. Vor allem Bernhards selbst: wieviel Wunder haben
ihm nicht gläubige Seelen in Frankreich und Aquitanien, in
Italien und Deutschland zugeschrieben. Aber auch sonst wähnte
man übernatürliche Kräfte oft nur an die lebendige Persönlich—
keit geheftet; überall standen neue Heilige auf; die kirchliche
Fürsorge nicht minder wie die Vernunft hatten sich ihrer zu
erwehren?. Diese individuellere Form trat neben den alten
unpersönlichen Wunderglauben in ähnlicher Weise, wie die
Askese in der Kontemplation ihre Ergänzung fand.
Davon giebt sein von Vacandard II (1895) S. 558 ff. zusammen—
gestelltes Itinerar ein lebendiges Bild.
2 S. Hauck IV (1902) S. 820 ff.
* VBgl. Gerhoh von Reichersberg De investigat. Antichristi (ed.
Scheibelberger) 1, c. 79, S. 156; Abälard, De Joh. Bapt. Op. ed.
Cousin S. 590. Hofmeister J 18f.