Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Siebentes Buch. Drittes Kapitel. 
der ersten apostolischen Gemeinden wollten sie verharren zu 
gegenseitiger Hilfe: wie in Schwaben, so war es auch am 
Rhein zugleich eine soziale Bewegung, die in diesen Lehren zu 
Tage trat. 
Den Apostolischen stand eine Zeit lang auch Norbert nicht 
fern, der Sohn eines Grafen von Gennep am Niederrhein, 
der Begründer des Ordens der Prämonstratenser. Später nach 
Frankreich verschlagen, ward er ein selbständig denkender An— 
hänger der Lehre des heiligen Bernhard und eigenartiger 
Reformator der Regel der Augustiner Chorherrn; er eben hat, 
ein erleuchteter Prediger, die neue Frömmigkeit mit am frühesten 
und eindringlichsten in Deutschland verbreitet. Nachdem er 
frühe Ansiedelungen seines Ordens nach Westfalen vorgetrieben 
hatte, ward er im Jahre 1125 Erzbischof von Magdeburg: 
das reichste Feld geistigen und politischen Wirkens öffnete sich 
seiner Thatkraft. 
Wie Norbert im Norden, so wurde der Erzbischof Konrad 
von Salzburg im Süden Deutschlands der kräftige Hort bernhar⸗ 
dinischen Denkens. Und ihm trat für dessen Verbreitung in 
Gerhoh ein ebenso begeisterter als origineller Schriftsteller zur 
Seite. Gerhoh, geboren im Jahre 1098, seit dem Jahre 11382 
Propst von Reichersberg am Inn, sechsundsiebenzigjährig das 
Zeitalter seiner eigenen Ideen überlebend, war ein furchtloser 
Charakter von feuriger Sprache, oft schroff, bisweilen polternd, 
von jener Tiefe des Temperaments, die die logischen Wider— 
sprüche der Lehre von der kirchlichen Allgewalt und Demut des 
Papstes zugleich naiv, hierin dem heiligen Bernhard gleichend, 
zu vereinen wußte, während sie andrerseits die Versenkung reli⸗— 
giöser Kontemplation und die Beschäftigung mit dogmatischen 
Fragen als Lebensbedürfnis erheischte. Fast mehr noch als 
Bernhard, wenn auch nicht mit der bernhardinischen Kraft der 
Propaganda ausgestattet, ist Gerhoh ein Held der neuen 
Frömmigkeit gewesen; von ihm stammt deren schönster Wahl⸗ 
spruch: „Gott zu schauen, blicke nicht über dich, sondern schau 
in dich: da, in dir selbst, ist ein reines Herz dir verheißen.“ 
De investig. Antichristi 2, c. 60.
	        
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