Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 379
Und wie Bernhard, wandte auch er sich anfangs gegen das
hierarchische Ideal der Kurie, ja gegen die materielle Auffassung
kirchlicher Bedürfnisse überhaupt; Fürstentümer, Herrschaften,
Hoheitsrechte gehören nach ihm der Welt an; wäre Matthäus
am Zoll sitzen geblieben, er wäre nicht Apostel geworden. Doch
soll die weltliche Macht der geistlichen zur Hand sein: beide
sollen das Reich Gottes auf Erden begründen in der Weise,
daß dereinst der Papst geistlich regieren möge über eine Fülle
weltlicher Herrschaften.
Es sind Ideale, deren Verwirklichung mit den steigenden
Jahren Gerhohs immer unwahrscheinlicher wurde. Es sind aber
zugleich Ideale, deren weitverbreitete Wirkung in Deutschland,
wenn richtig benutzt, den Herrschern der ersten Hälfte des
12. Jahrhunderts den Abschluß des wirren Kampfes zwischen
Regnum und Sacerdotium immerhin wesentlich erleichtern
konnte. In der Publizistik fand der schroffe Gregorianismus
nur noch spärlich Vertreter. Die Mittelpartei dagegen, wieder
auf Augustin zurückgehend, zählte alle besonnenen und fried—
liebenden Naturen zu ihren Anhängern.
JII,
Der neue Herrscher, Heinrich V., war groß geworden im
Schatten der Kirche. Aber seit langem vertraut mit den
Mitteln und Wegen der päpstlichen Politik, glaubte er der
Kurie politisch mit Erfolg widerstehen zu können und war zu—
nächst keineswegs geneigt, auch nur eines der Rechte aufzugeben,
die Kaiser Heinrich III., sein Großvater, gegenüber der Kirche
ausgeübt hatte. So hatte er es zwar zugelassen, daß auf einer
Synode zu Nordhausen im Jahre 1108 Beschlüsse gegen Simonie
und Priesterehe gefaßt wurden. Aber die Investiturfrage wurde
nicht. berührt, und Heinrich war seit den Jahren seiner Selbst⸗
ständigkeit weit davon entfernt, das gregorianische System in
die Praxis umzusetzen.
Es war ein System, das den Frieden der deutschen Kirche
auf ein volles Jahrfünft verbürgt und die Wunden der letzten