Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 385
Gregorianern und Sachsen über und fügte in deren Bund die
noch immer aufständischen Lothringer ein.
Da ergriff Heinrich den kühnsten Ausweg. Er unternahm
eine Diversion nach Italien; er wollte sich mit dem Papst von
neuem versöhnen und dadurch siegen über Gregorianer und
heimische Feinde zugleich. Ermutigend war für ihn in dieser
Hinsicht der Tod der Großgräfin Mathilde von Tuscien; er
durfte hoffen, das reiche Erbe der Verstorbenen zu erwerben,
das sie trotz früherer Schenkung an die Kurie Heinrich im
Jahre 1111 doch in Aussicht gestellt zu haben scheint. In der
That waren die Anfänge des Kaisers in Italien glücklich; er
gewann Oberitalien, er nahm das Mathildische Erbe für das
Reich in Besitz: die Machtgrundlagen für eine ihm günstige
Verhandlung mit der Kurie waren erreicht. Gleichwohl ver—
hielt sich Paschalis ablehnend, und dessen Nachfolger Gelasius II.
(1118 — 1119) floh vor der ihm drohenden persönlichen Ver—
handlung mit Heinrich nach Frankreich. Der Kaiser zog
Ostern 1118 erzürnt in Rom ein und ließ einen seiner ge—
treuesten Anhänger, den Erzbischof Moritz von Braga, als
Gregor VIII. zum Gegenpapst weihen.
Der unüberlegte Schritt hatte alsbald den Bann des Papstes
Gelasius über den Kaiser und seinen Gegenpapst zufolge. Ein—
getroffen war, was Gregorianer und Kaiserfeinde in Deutschland
so oft gewünscht hatten: das Papsttum, bisher schwankend, er—
schien ganz auf ihre Seite gedrängt; stärkere Aufstandsbewegungen
auf deutschem Boden, von Lothringen und Sachsen her, sowie die
offen verkündete Absicht, einen Gegenkönig zu wählen, waren die
Antwort auf die italienischen Vorgänge.
Heinrich mußte Italien verlassen; im Herbste 1118 war er
wieder in Deutschland. Sofort gab er den Dingen eine andere
Wendung, indem er sich der Einsicht nicht länger verschloß, daß
nach den Kämpfen der letzten Generationen, sowie infolge einer
Reihe jetzt eben einsetzender sozialer Umwälzungen! die alte
Vgl. Band III Buch VIII. Über die allgemeine Rechtsunsicherheit
unter H. V. s. Hauck IV. (1902) S. 104 f.
Lamprecht, Deutsche Geschichte II.
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